Bremst Corona den barrierefreien Ausbau?

Die letzten Wochen erinnerten immer wieder an apokalyptische Filmszenen. Menschenleere Straßen, geschlossene Geschäfte und Restaurants, kaum jemand unterwegs. Das ist man von dem sonst so lebhaften Hamburg gar nicht gewöhnt. Doch wo das eifrige Treiben in Hamburgs Innenstadt ausbleibt, ist eine Sache geblieben: Die Baustellen an den U-Bahn-Stationen Mönckebergstraße, Jungfernstieg, Rathaus und Steinstraße. Hier sollen die Haltestellen innerhalb der nächsten zwei Jahre barrierefrei ausgebaut und saniert werden. Aber wie sieht es eigentlich mit solchen Bauarbeiten aus? Laufen sie auch während Corona weiter?  

Nachdem ich zuletzt geschaut habe, wie es bei Bus und Bahn läuft, schaue ich mir heute mal den barrierefreien Ausbau in diesen außergewöhnlichen Zeiten an. 

Was so in Hamburgs Innenstadt passiert 

Die positive Nachricht: Während viele Dinge in letzter Zeit weitestgehend zum Erliegen gekommen sind, gibt es doch noch so manches, das weiterläuft: Das ist nicht nur der Bus- und Bahnbetrieb, sondern auch der barrierefreie Ausbau in Hamburgs Innenstadt.  

Bereits zu Beginn dieses Jahres haben hierfür die bauvorbereitenden Arbeiten in der Mönckebergstraße begonnen. An der Haltestelle Rathaus beginnen sie in Kürze. Ziel ist, die Haltestellen bis Frühjahr 2022 mit jeweils zwei Aufzügen auszustatten, die Bahnsteige für den niveaugleichen Ein- und Ausstieg anzuheben sowie Orientierungssysteme für sehbehinderte und blinde Menschen zu installieren. Eine wichtige Maßnahme, wenn man bedenkt, dass die Haltestelle an der Mönckebergstraße im Schnitt täglich von rund 12.000 und die Haltestelle am Rathaus sogar von 17.500 Fahrgästen genutzt wird. Vielen Menschen ermöglichen sie einen einfachen Zugang zu Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und bekannten Tourismuszielen in der Innenstadt. Für Menschen mit Handicap ist das sogar eine Grundvoraussetzung für ihre gesellschaftliche Teilhabe – gerade in diesen Zeiten wird mir bewusst, was das eigentlich bedeutet. 

Jungfernstieg und Steinstraße in vollem Gange

Auch die Arbeiten an den Haltestellen Jungfernstieg und Steinstraße laufen seit Anfang des Jahres und sollen im Frühjahr 2021 fertig gestellt werden: Die U1 muss hier ebenfalls barrierefrei erreichbar sein. Damit der Bahnsteig für einen niveaugleichen Ein- und Ausstieg angehoben werden kann, müssen zwei Rolltreppen am Jungfernstieg durch Kürzere ersetzt werden. Ausgebaut sind sie bereits, Ende Mai werden dann die neuen Rolltreppen eingebaut. Übrigens: Als die Rolltreppen 1934 für die U1 am Jungfernstieg erstmals in Betrieb gingen, galten sie als die Allerersten Hamburgs im öffentlichen Raum.

Bremst Corona den barrierefreien Ausbau? - Rolltreppen am Jungfernstieg
Die ausgebaute Rolltreppe wird über die Gleise abtransportiert 

Außerdem erhält der Bahnsteig einen Aufzug, der am Dreieck Reesedamm / Jungfernstieg / Ballindamm an die Oberfläche geführt wird. Dieser Standort ist tatsächlich die einzig mögliche Option, da der Aufzug nur dort einen Zugang zum Bahnsteig, der darüberliegenden Schalterhalle sowie dem Gehweg an der Oberfläche schaffen kann. An anderer Stelle würde der Aufzug beispielsweise die Schalterhalle verfehlen oder mitten auf der Straße herauskommen.  

Bremst Corona den barrierefreien Ausbau? - Aufzug am Jungfernstieg
Bauarbeiten für den neuen Aufzug der U1 am Jungfernstieg 

Kleine Info am Rande – Der barrierefreie Ausbau macht tatsächlich nur einen Teil der gesamten Baustelle am Jungfernstieg aus. Bei einem Großteil handelt es sich um Straßenbauarbeiten für besser ausgebaute Rad- und Gehwege, die allerdings nichts mit der Hochbahn zu tun haben. 

Aber müssen Bauarbeiten während Corona denn wirklich sein? 

Schon klar – Baustellen sind mit Absperrungen, Behinderungen für Fahrgäste und Passanten sowie mit Betriebsunterbrechungen verbunden. Das kann dazu führen, dass sich die Abstandsgebote in Zeiten von Corona nicht immer einhalten lassen. Aber deshalb gibt es ja auch die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen

Zurzeit sind auch deutlich weniger Fahrgäste unterwegs und das wird vermutlich auch noch eine Weile so bleiben. Deshalb wäre es falsch, gerade jetzt solche notwendigen Arbeiten auf die lange Bank zu schieben. Klar ergeben sich bei der notwendigen Sperrung der U1 in diesem Sommer einige Herausforderungen an ein gutes Verkehrskonzept, das sich derzeit in den finalen Zügen befindet.

Domino-Effekt 

Zudem gibt es noch einen ganz anderen Grund, weshalb sich die Bauarbeiten nicht ohne weiters verschieben lassen. Nach Fertigstellung des barrierefreien Ausbaus in der Innenstadt werden innerhalb der nächsten Jahre weitere Haltestellen mit einem barrierefreien Zugang ausgestattet, Brücken gebaut oder eben auch das U-Bahn-Netz erweitert. All diese Projekte sind mit Betriebsunterbrechungen verbunden. Deshalb gibt es einen ausgearbeiteten Zeitplan, der dafür sorgt, dass die einzelnen Bauprojekte aufeinander abgestimmt sind und die Beeinträchtigungen für den Betrieb so gering wie möglich gehalten werden. Sollten sich Bauarbeiten also zeitlich verschieben, hätte das sowohl finanzielle als auch bauliche Auswirkungen auf alle folgenden Projekte. Und das sogar bis hin zur Umsetzung der neuen Hamburger U-Bahn-Linie U5.  

Daneben sind die Bauarbeiten außerdem auf die Ferienzeit ausgerichtet, in der erfahrungsgemäß weniger Leute unterwegs sind. Bei Verschiebungen wäre auch diese Abstimmung hinfällig. 

Ganz abgesehen davon sind die Baustellen in der Innenstadt ja sowieso schon da. Bei einer Verschiebung würde der aktuelle Bauzustand also noch längere Zeit bestehen bleiben. Das hieße für den Jungfernstieg beispielsweise: Fehlende Fahrtreppen, teilweise reduzierte Bahnsteigbreite und ein offenes Loch für den geplanten Aufzug. Da ist es doch besser, die Arbeiten planmäßig fortzusetzen. Und bis die Busse, Bahnen und Bahnsteige dann wieder so gefüllt sind wie in früheren Zeiten, sind die Bauarbeiten auch schon ein gutes Stück vorangeschritten. 

Heutiges Learning 

Der barrierefreie Ausbau ist also weiter in vollem Gange. Eigentlich ganz schön zu wissen, dass in Hamburg noch Leben herrscht und nicht alles von Corona betroffen ist.  

Anfang 2022 werden dann alle U-Bahn-Haltestellen im Zentrum Hamburgs barrierefrei erreichbar sein. Damit sind es im gesamten U-Bahn-Netz knapp 95 Prozent. Ich denke, diese Quote lässt sich zeigen, wenn man bedenkt, dass 2011 gerade mal 40% barrierefrei ausgebaut waren.  

Während Corona also (hoffentlich) bald Geschichte sein wird, können wir uns sicher sein, dass die Mobilität auch für die Zukunft gesichert und für jeden zugänglich ist.  

Auch mal eine schöne Nachricht bei den sonst so trüben Corona-Themen, oder? 😊 Und damit es nicht die einzige bleibt, befasse ich mich in einem der nächsten Blogs mal mit dem Thema Netzausbau.

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13 Kommentare zu: Bremst Corona den barrierefreien Ausbau?

  1. Inhaltlich nicht ganz richtig, was hier geschrieben wurde. Auf der Baustelle in der Mönckebergstraße wurde mit Begin des Lockdowns auch nicht mehr gearbeitet. Als die Geschäfte dann am 20.April wieder öffnen durften wurde 2 Wochen später auch wieder auf der Baustelle gearbeitet. Warum hat man denn nicht während des Lockdowns weiter gearbeitet? Da hätte der Lärm und der Dreck niemanden gestört. Diese Baustelle wird jetzt langsam zu einem Politikum !!!

    1. Das scheinen Sie wohl nicht ganz korrekt beobachtet zu haben. Während des Lockdowns wurde wie geplant weitergearbeitet. Die Arbeiten wurden sogar noch beschleunigt, um sicherzustellen, dass die Flächen vor den Geschäftszugängen so großzügig wie möglich freigestellt werden, bevor sie ab dem 20 April wieder öffnen durften. Richtig sind die zwei Wochen, von denen Sie nach dem 20. April sprechen. Hier hat Hamburg Wasser die Leitungsverlegungen etwas verschoben, allerdings ohne Auswirkung auf den ursprünglichen Zeitplan. Die bauvorbereitenden Maßnahmen können wie geplant fertiggestellt werden.

  2. Nichts für ungut, aber endlich mal ein Thema ohne Coronabezug.
    Vielen Dank für die Informationen zum barrierefreien Ausbau in der Innenstadt.
    Auch die Ankündigung, dass sie demnächst etwas zum Schnellbahnausbau schreiben werden, finde ich super.
    Mich würde zum Beispiel die Verlängerung der U4 bis zur Manshardtstr. näher interessieren. Wie ich gesehen habe, sind ja vorbereitende Maßnahmen angelaufen. Wann beginnt der eigentliche Ausbau? Wird von der Horner Rennbahn angefangen oder von der Dannerallee? Ja und die Verlängerung zum Grasbrook, wird die U-Bahnstrecke erstellt, bevor die eigentlichen Baumaßnahmen im zukünftigen Stadtteil beginnen werden?
    Vielen Dank schon einmal im Voraus

    1. Hallo Herr Lange,
      die bauvorbereitenden Maßnahmen zur U4 laufen bereits seit Februar. Im Vordergrund stehen vor allem Leitungsverlegungen. Der eigentliche Baubeginn ist dann in der zweiten Jahreshälfte 2020. Der Ausbau beginnt an der Horner Rennbahn. Bezüglich Grasbrook kann ich Ihnen sagen, dass die städtebauliche Entwicklung und der Bau der U4 in enger Abstimmung zueinander stattfinden. Wir werden im Blog dann auch noch weiter zu den Netzausbauthemen berichten.

      Weitere Informationen und regelmäßige Updates zum Projekt U4, finden Sie auch hier: https://www.schneller-durch-hamburg.de/u4-horner-geest

      1. Hallo Herr Levitan,
        vielen Dank für die Info. Auch der dort angegebene Link ist Klasse!
        Ich lese auf Hochbahn.de häufiger Artikel zum Schnellbahnausbau. Diesen Artikel hatte ich bisher noch nicht gefunden.
        Danke!

  3. Guten Tag,

    ich und andere fragen sich kann die Hochbahn eigentlich noch richtig planen.
    Z.b Baustelle auf der U1 , was soll das mit der Umleitung, wer steigt den Messberg, und Steinstraße ein, die Steinstraße wird durch den X35 angebunden Messwerg mit dem X3. Es wäre viel wichtiger ein Bus vom Hbf zum Stefanplatz, das würde viele viel besser sein, vor allen weniger Zeit Verlust. Straßenteschnisch ist es möglich. Mann sieht ja schon bei der Umleitung des Metrobus 11, wie schlecht die Hochbahn plant, wer fährt den noch mit dem Bus 40 Minuten von der Sorenkoppel nach Wandsbek Markt, ja bald zu Fuss schneller. Es reicht langsam !!

    1. Die HOCHBAHN hat sich intensiv mit der Planung des Ersatzverkehrs für die anstehende U1-Sperrung beschäftigt, damit vor allem in Zeiten von Corona gewährleistet ist, dass nicht alle Fahrgäste auf Busse ausweichen und diese dann überfüllt sind. Deshalb spielen vor allem die Schnellbahnlinien U2, U3, U4 sowie S1, S3, S11, S21 und S31 in der Innenstadt eine entscheidende Rolle. Für die Verbindung zwischen Hbf und Stephansplatz können beispielsweise die S-Bahnlinien S21 und S31 genutzt werden, die den Bahnhof Dammtor anfahren. Von hier sind es nur wenige Meter bis zum Stephansplatz. Die Verbindungen im Einzelnen werden wir aber nochmal ausführlich kommunizieren, hier auf dem Blog gibt es dazu nächste Woche einen neuen Beitrag.

      1. Leider haben Sie wohl die Baustelle vergessen, das an vielen Tagen ein Umweg gehen Mus vom Damtor bis zu U Bahn, also Kollegen von mir sind auch stinke sauer, alleine den noch die Umleitung der 11 brauchte ich so 40 Minuten Täglich Länger, weil ja auch die RB 81 wegen Bauarbeiten am Berliner Tor auch kaum fährt. Deshalb schrieb ich auch schlecht geplant. Ein Bus in der HVZ Würde viele helfen. die 4 braucht so keiner !

        Vielleicht denkt man darüber nach.

        Vielen Dank

  4. Der Ausbau ist wichtig, keine Frage aber erinnert ihr euch an den Ersatzverkehr (Langenhorn-Ohlsdorf) letztes Jahr im Sommer?

    Dort sind mehrere Menschen in den zu vollen und schlecht klimatisierten Bussen umgefallen. Wie soll das erst mit einer Maske auf Mund und Nase werden? Ich hoffe, dass diesmal eine bessere Planung stattfinden wird.

    1. In Langenhorn wurde damals auch nachgesteuert, die Situation war allerdings eine etwas andere, da es dort keine alternativen Schnellbahnlinien gibt. In der Innenstadt sieht das natürlich anders aus: Im anstehenden Sperrungsbereich kann auf U- und S-Bahnlinien ausgewichen werden, die alle das Zentrum bedienen. Die Hochbahn wird hierzu auch noch intensiv kommunizieren, dass die Schnellbahnen und nicht primär die Busse als Ersatzverkehr genutzt werden sollen.

  5. Wird denn der Bahnsteig am Jungfernstieg nur teilerhöht oder auf voller Länge erhöht? Und welche Baumaßnahmen werden allgemein noch am Jungfernstieg durchgeführt? Werden die Wandfliesen zum Teil neu gemacht etc.?

    Dann würde mich für einen der zukünftigen Beiträge interessieren, wie der Planungsstand der U5 ist und ob der Baubeginn dort planmäßig möglich ist?
    Und letzte Frage: ich hatte immer mal den Eindruck, dass die Zugzielanzeiger in Hamburg inzwischen etwas in die Jahre gekommen sind. Die wirken auf mich sehr klobig und wenig modern – trotzdem werden die auch bei neuen Stationen (z.B. U4 Elbbrücken) weiterhin eingebaut. Gibt es dort Planung, wie die in Zukunft ersetzt werden?

    1. Am Jungfernstieg handelt es sich um eine Teilerhöhung von rund 80% der Fläche. Dies hängt mit baulichen Rahmenbedingungen zusammen (u. a. fehlende Durchgangshöhe unter Zugzielanzeigern aufgrund der geringen Raumhöhe der Bahnsteigebene). Wie im Blogbeitrag erklärt, wird neben der Teilerhöhung der Bahnsteige ein Aufzug für die U1 eingebaut, zwei Fahrtreppen ausgetauscht, ein taktiles Leitsystem geschaffen und ein Aufzugsmaschinenraum in der Schalterhalle C eingebaut. Zudem wird die Bahnsteigebene komplett modernisiert, d. h. alle Oberflächen werden erneuert und komplett neu gestaltet.
      Zur U5 werde ich in einem der nächsten Blogs etwas mehr erzählen 😊 Eines kann ich aber schonmal spoilern: Die Planungen laufen trotz Corona wie gewohnt weiter.
      Was das Thema Zugzielanzeiger betrifft: Innerhalb der nächsten Jahre werden sie durch Anzeiger mit einem schmaleren Design ersetzt, wirken dann also vermutlich weniger „klobig“, wie Sie es beschreiben 😉 Die Technologie bleibt aber dieselbe, da es sich hier um den aktuellen Stand der Technik handelt.

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