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Musikanten in der U-Bahn – eine persönliche Sicht auf die Dinge

Die U-Bahn hält, die Türen gehen auf. Ich erkenne sie sofort. Sie kommen meist zu dritt, seltener zu zweit. Haben einen Verstärker dabei und ein Saxophon oder Akkordeon.

Dann ist es immer gleich: Sobald die Bahn los fährt, beginnt die Musik, spielt das Instrument, jemand singt und geht durch den Zug. Dabei einen Pappbecher, den er den Fahrgästen entgegenstreckt in der Hoffnung auf ein bisschen Kleingeld. Jemand wirft ein paar Münzen in den Becher, gerade auf Strecken mit vielen Touristen scheint das „Geschäft“ lohnenswert zu sein.

An der nächsten Haltestelle steigen die Musikanten meist direkt wieder aus. Weiter geht es für sie in den nächsten Wagen oder in den Zug in der Gegenrichtung. So schnell wie sie kamen, sind sie wieder weg.

Meine Beobachtung in diesen Momenten: die Stimmung der Fahrgäste im Zug ist durchwachsen. Touristen finden die Abwechslung ganz nett, Pendler verdrehen müde die Augen oder schauen betont unbeteiligt aus dem Fenster.

Mir persönlich geht es mal so mal so. Und hängt auch von meiner eigenen Tagesform ab. Meist sind sie eh schnell wieder weg. Tun doch niemandem was. Und solange sie mir den Pappbecher nicht penetrant unter die Nase halten oder mich bedrängen ihnen Geld zu geben, ist es für mich ok.

Ich kann aber auch verstehen, dass es Fahrgäste gibt, die sich davon bedrängt fühlen, genötigt, vielleicht auch unsicher. Welche  Gründe es am Ende auch sind, ein Verkehrsunternehmen wie die HOCHBAHN muss sie ernst nehmen und etwas tun.

Denn wer nicht einfach nur genervt ist, sondern es eben als Belästigung auffasst, der fordert bei uns strengere Kontrollen in den Zügen. Gefühlt sind diese Stimmen mehr geworden und auch die Online-Community macht ihrem Ärger immer mal wieder Luft.

 

Das Problem mit der Kontrolle

Eins schon mal vorweg – die Beförderungsbedingungen im Hamburger Verkehrsverbund regeln ganz klar: Musizieren in unseren Anlagen und Fahrzeugen ist verboten. Aber nur weil etwas verboten ist, heißt es ja noch nicht, dass sich jeder dran hält.

Übrigens ist es ein Trugschluss, dass Musikanten schwarz fahren, denn die meisten haben unserer Erfahrung nach sogar Fahrscheine gekauft. Dies berechtigt sie aber eben immer noch nicht zum Musizieren. Wer es trotzdem macht, begeht, so heißt es im Beamtendeutsch, einen Vertragsbruch, der eine Vertragsstrafe zu Folge hat. Die Fahrkarten dürfen in diesen Fällen dann auch eingezogen werden. Für meine Kollegen bedeutet diese Grundlage erst einmal vor allem eines: dass Sicherheits- und Prüfdienst jeden Musiker der Züge und Anlagen verweisen darf.

Zumindest in der Theorie können die Musiker dann nicht weiter mit der U-Bahn fahren. In der Praxis sieht es aber so aus, dass sie kurz danach trotzdem wieder in den Fahrzeugen unterwegs sind. Denn überall können die Kollegen von der Hochbahn-Wache eben auch nicht sein. Und so lange das Geschäft lukrativ genug ist, gehören Musikanten in der U-Bahn wohl einfach dazu. Denn wenn niemand was geben würde, würde sich das Musizieren nicht mehr lohnen. Und das Thema hätte sich erledigt. Aber ist das realistisch? Wohl eher nicht.

Und vielleicht ist das am Ende auch die die einzige Erkenntnis: es ist kaum möglich, das Musizieren (und Betteln) in den U-Bahnen ganz zu unterbinden.

Und ehrlich gesagt finde ich auch, dass das zum Leben in der Großstadt irgendwie dazu gehört. Hier gibt es eben unglaublich viel Wohlstand, aber eben auch Armut. So bitter das für mich auch ist, dass es Menschen gibt, die sich überhaupt Geld erbetteln müssen.

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14 Kommentare zu: Musikanten in der U-Bahn – eine persönliche Sicht auf die Dinge

  1. @ Andreas: Ja klar, den Leuten, die sich so ihr Geld verdienen geht es ja so gut… Haben Sie sich mal überlegt, wie hoch die Hemmschwelle ist, andere um ein paar Münzen zu bitten? Wie schwer es ist, dabei Würde zu bewahren? Was für ein Gefühl es ist, von einem großen Teil der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein und mit entsprechenden Blicken und Sprüchen bedacht zu werden, weil man sich nicht auf die Art seinen Lebensunterhalt verdient (verdienen kann), die allgemein akzeptiert wird? Schöner Sozialdarwinismus, den hier einige zur Schau tragen…

    Ich fahre auch täglich mit der Bahn, bin auch hin und wieder genervt, fühle mich auch ab und zu etwas genötigt, doch etwas Geld zu geben. Manchmal gebe ich was, wenn ich kann, manchmal nicht. Ich bin und bleibe aber der Meinung, dass niemand zum Spass in Kälte und Regen rumsitzt und bettelt oder stundenlang von Abteil zu Abteil sprintet und immer wieder die gleiche Show abspult, wenn er oder sie für sich eine andere Option sähe, irgendwie über die Runden zu kommen. Selbst wenn ab und zu sogenannte „organisierte Bettler-Banden“ dahinterstecken sollten, dem Menschen, der mich da um ein paar Cent bittet, geht’s in der Regel nicht gut. Nur weil ich mich ganz kurz mal in meinem »heilen, strukturierten und gesellschaftskonformen Alltag« gestört fühle, muss ich da doch nicht gleich noch nachtreten!

  2. ganz einfache lösung: die ubahn&bahnhöfe haben kameras -> gesichtserkennung aktivieren -> musiker markieren -> alarm wenns einen match gibt -> abfangen

    das passiert ein paar mal und dann ist ruhe

  3. In anderen Städten gibt es offizielle Lizenzen (inkl. Casting) und nur wer diese Lizenz hat, darf im Bahnhof spielen. Da gibt es dann auch eine ganz andere Qualität und diese Leute haben dann auch jeden Cent zu Recht verdient.

    Wer meint, den angesprochen U-Bahn-Musizierern Geld in den Becher werfen zu müssen, sollte mal ein wenig hochrechnen, wie lukrativ das ist. Im Schnitt alle 3 Minuten ein Wagenwechsel ist auf der „richtigen“ U-Bahn-Linie locker drin, also ca. 20 „Konzerte“ pro Stunde. Mal gibt es nix, mal 20ct, mal 3€ und alles schwarz. Ein Stundenlohn, von dem so mancher Angestellter nur träumen kann. Und nebenbei sehr wahrscheinlich auch noch ALG2.

  4. Straßenmusiker, wie man sie häufig in der Spitaler Straße oder am Jungfernstieg sieht, die ihr Instrument lieben und großteils selbstkomponierte Stücke zum Besten geben finde ich großartig. Könnte ich in der Bahn solche Kunst erleben, wäre ich vermutlich auch nicht gestört. Tatsächlich sieht es aber so aus, dass diese Gruppen mit einem CD Player kommen, die immergleichen 5 sek. Saxophon selber spielen und dann sofort rum gehen. Und dann auch noch immer und immer wieder das selbe Lied. Hit the road Jack
    Das ist dann auch keine Straßenmusik mehr.

    1. Eine Ergänzung, wie es positiv wirkt:
      In Barcelona haben wir es erlebt, dass an einigen Zugängen zur U-Bahn Musiker in hoher Qualität spielen. Diese scheinen dort durchaus nicht unerwünscht zu sein.
      Einige verkaufen sogar CDs und in vernünftiger Qualität – wir haben uns dort selbst mal eine gekauft.
      Diese sind aber überhaupt nicht mit den zwischen St. Pauli und Sternschanze klimpernden Leuten zu vergleichen, sondern verbreiten eine sehr angenehme Atmosphäre, und an richtig gewählten Orten kann aufgrund von Halleffekten ein echtes Klangerlebnis entstehen.

  5. Wenn man zum ca. 5-ten Mal in 3 Montaten einen Vortrag vernimmt, dass der gleiche Mann leider seit kurzem obdachlos ist… Wenn man mit bescheidener Musik belästigt wird… es nervt! Wenn man dann noch blöd angeguckt wird, dass man nichts „spendet“ an diese „armen und hilfsbedürftigen“ Menschen, dann schwillt einem der Kamm-um es vorsichtig auszudrücken. Es reicht! Es mag Menschen geben, die diese Form der Schwarzarbeit lustig oder nachvollziehbar finden. Ich nicht.

  6. Ich finde es generell gut, wenn sich jemand Geld „verdient“ und das tun die Musikanten schließlich. Bedeutet ja nicht, dass sie ihre Arbeit gut machen, leider spielen sie wirklich immer nur dasselbe und das nervt schon ziemlich. Etwas mehr Repertoire wäre schön schön. Trotzdem, wenn ich geld in der Tasche habe, werfe ich es in den Pappbecher.

  7. Ich finde Bahn Musiker super!
    Die kommen meist aus sehr prekären Verhältnissen zu uns und anstatt einfach „nur“ zu betteln, tun sie was für ihr Geld, ist doch klasse 🙂

  8. Kann man sehen wie man möchte, gibt schlimmeres lautes Telefonieren z.b. oder Handy Musik, Bettlerkolonnen die überall ihre Karten ablegen und sehr Penetrant sind …, aber es gib auch die anderen die „echten“ Obdachlosen, die meist sehr nett sind und nicht nach Geld fragen sondern nach Essen, da kann man sich auch mal zeit nehmen auszusteigern und den nen Belegtes Brötchen + Kaffee kaufen, nebenbei hat man dann ein nettes Gespräch und ein sehr dankbaren Menschen.

  9. Unglaublich lästig sind diese sogenannte Musiker. Allerdings ist der Bettler mit Hund auf der U3 „Mein Weggefährte und ich sind zur Zeit obdachlos…“ genauso nervig. […Kommentar mit Bezug auf die Netiquette von der Redaktion gekürzt.]

  10. Danke für diesen Beitrag. Ich stelle aber in Frage, ob sie wirklich betteln *müssen*. Des weiteren empfinde ich das nicht als Musik, sondern als Nötigung. Entweder man gibt Geld oder sie gehen einem weiter auf die Nerven.

    Ich würde mir eine klare Öffentlichkeitskampagne des HVV wünschen, die klarstellt dass es sich eben um unerlaubtes betteln handelt und man es nicht fördern sollte, indem man Geld gibt.

    Wäre es eine Option, ein Bußgeld in die Beförderungsbedingungen aufzunehmen und falls nicht zahlbar die Instrumente als Sicherheitsleistung einzubehalten?

    1. Ich würde es mir auch wünschen, wenn die Hochbahn über Plakte und im FahrgastTV offensiv Beiträge verbreitet, dass Musizieren und Betteln in der Bahn verboten ist.
      Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und in die Beförderungsbedingungen aufnehmen, dass es unter Strafe steht wenn man den Bettlern Geld gibt.

      1. Ein nett geschriebener Blogpost aber es ist ja nun kein Geheimnis, dass hinter vielen Bettlern, sei es die typische Frau mit dem Kind aufm Arm in der Fußgängerzone, Damen und Herren mit verwachsenen Gliedmassen oder eben die Musiker in der Bahn meisten zu organisierten Bettler Banden gehören.
        In meinen Augen ist das organisiertes Verbrechen und dem sollte sie Hochbahn entgegenwirken. Die S-Bahn hatte eine Zeitlang zB Flyer am Hauptbahnhof ausgehangen.

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