Warum neue Verkehrsplanungen alles andere als einfach sind

Es ist bereits bekannt: Ab heute fahren die Busse durch die Steinstraße, die Mönckebergstraße ist für den Durchgangsverkehr gesperrt. Die Arbeiten hierfür waren die letzten Wochen in vollem Gange. Nun kommen die neuen Fahrbahnmarkierungen zum Vorschein und machen deutlich, dass die neue Verkehrsführung in der Steinstraße deutlich auf den Bus- und Radverkehr ausgerichtet ist.  

Damit sich das Verkehrskonzept nicht nachteilig auf die gute Anbindung der Innenstadt auswirkt, haben sich die Verkehrsplaner der HOCHBAHN zusammen mit der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM) sowie dem Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) während der Planungen intensiv Gedanken gemacht, an welchen Stellen die neuen Bushaltestellen eingerichtet werden, um möglichst einfachen Zugang zur Innenstadt zu schaffen.

Wichtige Faktoren dabei: Ein barrierefreier Zugang. Also die Bordsteinkante darf für den Ein- und Ausstieg nicht zu hoch oder zu niedrig sein. Ebenso muss der Boden eben sein (möglichst keine Pflastersteine). Die Mönckebergstraße muss in möglichst kurzer Distanz erreichbar sein, um insbesondere die Läden und Geschäfte weiterhin gut anzubinden, die vor allem in Zeiten nach dem Lockdown wieder auf Kundinnen und Kunden angewiesen sind. Und: es muss an den entsprechenden Stellen natürlich ausreichend Platz vorhanden sein, sodass bei einer hohen Taktdichte auch mehrere Busse hintereinander halten können.

Die bereits vorgestellte Lösung: Die Steinstraße erhält eine Bushaltestelle auf Höhe des Jakobikirchhofs und eine weitere am Speersort. Diese beiden Stellen erfüllen nämlich alle Kriterien. So weit, so gut.

Neue Verkehrsplanungen: Haltestelle am Speersort
Neues Verkehrskonzept mit Bushaltestelle am Speersort

Kita meldet sich zu Wort

Zu Beginn der Bauarbeiten hat sich eine Kita eingeschaltet, die sich direkt am Speersort befindet. Ihre Sorge: Mit der neuen Bushaltestelle würden permanent Busse vor der Kita halten und die Kinder damit viel Lärm, Abgasen und vorbeigehenden Fahrgästen aussetzen, die freien Blick in das Spielzimmer haben.

Eine Sorge, die natürlich nachvollziehbar ist. Aber sie macht auch eine Herausforderung deutlich: In einer dicht besiedelten Innenstadt gibt es unterschiedlichste Interessenvertreterinnen und -vertreter. Die einen wollen eine verkehrsberuhigte Zone, um die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu steigern. Die anderen wollen aber gleichzeitig sicherstellen, dass ihre Geschäfte weiterhin gut erreichbar sind. Wiederum andere möchten aber in keinem Fall die Bushaltestelle vor ihrer eigenen Tür.

Jetzt mal ganz offen gesprochen: Bei aller Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fahrgäste und das Ziel, die Stadt möglichst nutzstiftend zu erschließen, ist es nicht das Interesse der HOCHBAHN, dabei das Anliegen Dritter völlig zu übergehen. Zumal die Kita in diesem Fall quasi die unmittelbare Nachbarschaft zum Hochbahnhaus in der Steinstraße darstellt und man es sich mit den Nachbarn besser nicht verscherzt 😉

Daher saß die HOCHBAHN wieder mit den Kolleginnen und Kollegen der BVM und LSBG zusammen, um gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten.

Neue Lösung

Denn eines ist klar: die Fahrgäste müssen für die nächsten sechs Monate auch weiterhin schnell und barrierefrei in die Innenstadt kommen. Die Taktdichte der Busse kann dabei nicht verringert werden, da dies sonst zu einer höheren Auslastung der Busse führt. Eine Konsequenz, die insbesondere in Zeiten der Pandemie ausgeschlossen ist. Eine alternative Haltestelle in der Domstraße funktioniert nicht, weil dort die Kriterien Barrierefreiheit und ausreichend Platz nicht erfüllt werden. Auch eine Verschiebung der gesamten Haltestelle in Richtung Westen wurde geprüft. Hierfür müsste der erste Bus immer ums Eck in die Haltebucht in der Bergstraße fahren. Das führt aber zum nächsten Problem. Die Orientierung an einer Haltestelle mit 60 Metern Länge ums Eck ist äußerst kompliziert. Vor allem dann, wenn die Buslinien nicht festen Positionen zugeordnet sind, sondern die Busse dort halten, wo Platz ist. Hält der Bus nun im Speersort oder doch in der Bergstraße? Spätestens für die seheingeschränkten und blinden Fahrgäste ist das ein nicht aufzulösendes Problem.

Das Resultat: Die Planerinnen und Planer haben tatsächlich sehr viele Möglichkeiten geprüft. Am Ende ergab sich, dass ein anderer Standort für die Haltestelle nicht infrage kommt. Also muss sichergestellt werden, dass nicht drei Busse gleichzeitig im Speersort halten. Um die Fläche direkt vor der Kita freizuhalten, können maximal zwei Busse halten.

Die Lösung: Personal aus dem Betriebsdienst positioniert sich an der Einmündung zum Speersort, um den Busfahrerinnen und Busfahrern ein Zeichen zu geben, wenn die Haltestelle bereits voll ist. In diesem Fall wartet der Bus einen Moment, bis die Haltestelle wieder frei wird und nachgerückt werden kann. Und da die Busse ihre eigene Busspur besitzen, behindern sie beim Warten auch nicht den restlichen Straßenverkehr.

Ein Kompromiss, der ermöglicht, dass die Kinder nicht von den Bussen gestört werden und die Fahrgäste trotzdem weiterhin einfach und bequem die Innenstadt erreichen. Es wird spannend, in der ersten Woche zu beobachten, ob sich das Konzept bewährt.

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6 Kommentare zu: Warum neue Verkehrsplanungen alles andere als einfach sind

  1. Trotz aller Kritik am neuen Verkehrskonzept sehe ich auch Vorteile: Gefühlt alle 2 min ein Bus in der Mönckebergstraße hat die Attraktivität dieser meiner Meinung nach nicht gesteigert.
    Als Kompromiss könnte ich mir gut vorstellen, dass ein Teil der Linien zukünftig wieder durch die Mönckeberg fährt, der andere Teil Steinstraße.

  2. Bin heute zum 1 nach der Schnellumbau durch die Steinstraße gefahren.

    Das wars nun endgültig mit dem Hamburger ÖPNV , in Richtung Hbf ist die Haltestelle Jacobikirche ne 100% Frechheit, nur aus einer Seite erreichbar, das Metall Häuslern ohne Schutz, kein Mülleimer. Wenn die Innenstadt mal Wiede raffen darf den gute Nacht alles zu eng, okay es wird keiner mehr als 1 x noch dahin den ÖPNV Nutzen und die Innenstadt Besuchen. So hörte ich es auch von anderen.

    1. Mülleimer sind inzwischen zwei aufgestellt 😉 Bezüglich Häuschen: Der Querschnitt der Steinstraße stellt nur einen begrenzten Platz zur Verfügung, der für alle Verkehrsteilnehmer*innen entsprechend aufgeteilt werden muss (Zwei Busspuren plus Haltestelleninsel, zwei Radspuren, eine Spur für Pkw). Ein breites, rotes Häuschen, wie man es sonst von Ersatzhaltestellen kennt, hätte hier keinen Platz. Die Hauptsache ist aber ja, dass man im Trockenen steht 🙂 Hierzu gab es kürzlich übrigens auch einen Blogbeitrag: https://dialog.hochbahn.de/allgemein/fahrgaeste-aus-dem-haeuschen-wieso-nicht-jede-bushaltestelle-auch-einen-unterstand-hat/

  3. Moin,

    ist es nicht möglich, die Linie X3, die bis U Messberg verkehrt, um eine Haltestelle (ca. 300 Meter) bis zum Huaptbahnhof zu verlängern? Sie würde dann eine Alternative zur derzeit gesperrten U3 darstellen und könnte die angespannte Situation in der Steinstraße verbessern.

    Gruß

    1. Es gibt bereits viele Buslinien (z.B. 16, 17, 3), die aus allen Richtungen die Innenstadt anbinden und damit eine Alternative zur U3 darstellen. Insbesondere die verlängerte MetroBus-Linie 2 stellt einen direkten Ersatz zum gesperrten U3-Streckenabschnitt dar. Da insbesondere der Bereich um den HBF mit den vielen und dicht getakteten Buslinien schon sehr stark ausgelastet ist, haben die Planer*innen entschieden, diese Auslastung mit der X3 nicht zusätzlich zu verstärken.

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