U-Bahn-Fahrerin Hamburg

1 Tag auf Strecke – mit U-Bahn-Fahrerin Melanie

Es ist Freitag. Und ich habe Großes vor. Denn heute geht mal wieder einer meiner Kindheitsträume in Erfüllung: einmal vorne in einer U-Bahn mit fahren.
Mein U-Bahn-Fahrer heute ist eine U-Bahn-Fahrerin. Melanie, 42 Jahre alt und seit 2014 bei der HOCHBAHN im Einsatz.

Der Arbeitstag beginnt für uns beide um 12:30 Uhr – Schichtbeginn am Jungfernstieg. Für mich ist schon Mittag, für Melanie fängt der Tag gerade erst an. „Ich fahre zu jeder Tages- und Nachtzeit, ohne wirklichen festen Rhythmus“, erzählt sie mir.

Denn Melanie ist „Zettelfahrerin“. So nennen unsere U-Bahner alle Kolleginnen und Kollegen, die ihren Dienst vom Zettel ablesen, also keinem festen Dienstplan zugeordnet sind. Kollegen wie Melanie bekommen ihre Dienste spontan zugewiesen und fahren vor allem da, wo gerade Not am Mann (oder der Frau ;-)) ist.

 Da musst du für gemacht sein, hier den ganzen Tag alleine vorne drin zu sitzen!

Damit fährt sie alle Linien, zu allen Zeiten  – Flexibilität ist ihr Alltag. Immerhin: sie startet und endet, wie alle anderen Fahrerinnen und Fahrer, möglichst nahe zu ihrem Wohnort.
Wir starten auf der U1. Geben uns mit einem anderen Kollegen quasi die Klinke in die Hand und steigen durch die Tür zum Fahrgastraum im ersten Wagen in den DT4 Richtung Norderstedt Mitte. „Die U1 ist meine Linie“, strahlt Melanie. Die sei schön lang, man hat von allem etwas (oberirdisch und unterirdisch)  und sieht selten die gleichen Orte.

„Die U3 ist nicht so meins,  immer nur das Gleiche – eine Runde rum ist schon nach 40 Minuten vorbei. Stell dir mal vor, wie oft du da an derselben Stelle vorbei fährst“, lacht sie. Heute haben wir Glück und einen „guten Zettel“. Wir fahren U1 und zum Schluss noch kurz auf der U2. „Heute ist das bestimmt ein bisschen netter, weil du dabei bist“, zwinkert sie mir zu.

Gesellschaft ist ein riesiges Thema für unsere Zugfahrer. „Eintönigkeit und Einsamkeit gehören dazu, das muss man ehrlich sagen,“ erzählt Melanie als wir die erste Runde auf der U1 hinter uns haben und in Norderstedt eine kurze Pause einlegen.  „Da musst du für gemacht sein, hier den ganzen Tag alleine vorne drin zu sitzen“, sagt sie. Nur an den Endhaltestellen treffen wir mal den einen oder anderen Kollegen und in der Pause, die wir nach ca. drei Stunden haben.

„Ansonsten ist die Betriebszentrale mein einziger Ansprechpartner. Die sind im Falle von Störungen direkt erreichbar und können eigentlich immer helfen,“ erzählt Melanie. Kontakt zu den Fahrgästen gebe es dagegen eher selten. Manchmal drückt jemand den Notruf oder klopft vorne an die Scheibe. Häufiger ist es da schon, dass hinter der Scheibe jemand neugierig die Fahrt beobachtet und auch auf den Bahnsteigen wird man öfter angesprochen.

Aus dem Zug_U-Bahn-Fahrer Hamburg

Für Zug, Fahrt und Fahrgäste ist jeder allein verantwortlich. „Der Job ist zwar körperlich nicht so anstrengend, aber geistig musst du umso fitter sein,“ erklärt mir Melanie. Alles im Blick behalten: Signale, Gleise, den Bahnsteig und natürlich Fahrgäste. Nicht bei jedem sei erkennbar, ob er einsteigen will. Vor allem an vollen Bahnsteigen ist es ungemein wichtig, den Überblick zu behalten. „Ich bin damals im Dezember gestartet. Da waren die Bahnsteige bei schlechtem Wetter und kurz vor Weihnachten gerammelt voll. Ich hab‘ Blut und Wasser geschwitzt,“ lacht sie.

Über die Monitore im Fahrerraum hat sie am Bahnsteig alles im Blick. Hier kriegt sie auch ein Signal wie schnell sie fahren muss, um die nächste Haltestelle pünktlich zu erreichen.

Monitor_U-Bahn-Fahrer

Der Druck des Fahrplans sei wie auch bei unseren Busfahrern  recht groß. Ohnehin sei jede Fahrt ein Spagat zwischen Fahrplan einhalten und Nettigkeit. „Klar, lässt du noch mal jemanden rein, wenn du weißt, dass Sonntag ist und der nächste Zug erst in 20 Minuten fährt.“ Immer ginge das aber eben nicht. Vor allem in der dichten Taktfolge tagsüber kommt die nächste Bahn ja eh in 3-4 Minuten. Da würdest du mit einer nett gemeinten Verzögerung dann den ganzen Betrieb aufhalten. „Und wir sind eben kein Taxi, sondern für alle da!“

Wir tragen viel Verantwortung also wird von uns auch verantwortungsvoller Umgang erwartet. Ich finde das richtig so, ein Zug ist kein Spielzeug, mit dem man leichtfertig umgehen sollte.

Im Alltag ist es am Wichtigsten Signale, Monitore und Fahrgäste im Blick zu haben. Und immer wieder kommt es auch zu Situationen, die man Zugfahrern übel nimmt. Wenn er/sie nämlich mit der Abfertigung fertig ist, geht der Blick nur noch nach vorn und in Richtung des Signals, dass es erlaubt, aus der Haltestelle raus zu fahren. „Das mein‘ ich gar nicht böse, aber irgendwann muss ich halt auch mal fahren!“

Signale und „Verkehrsregeln“ hat Melanie damals in der U-Bahn-Fahrschule gelernt und in knapp fünf Monaten ihre Ausbildung  absolviert. Die Regeln sind so streng wie später im Job: du hast einen Versuch für die Prüfung. Ähnliches gilt später für den Job: wer ein Signal missachtet, wird dazu befragt, anschließend nachgeschult und darf erst dann wieder Zug fahren.
Und auch Geschwindigkeitsüberwachungen gibt es auf der Strecke. „Wir tragen viel Verantwortung also wird von uns auch verantwortungsvoller Umgang erwartet. Ich finde das richtig so, ein Zug ist kein Spielzeug, mit dem man leichtfertig umgehen sollte,“ so Melanie.

Der leichtsinnige Umgang mancher Fahrgäste lässt sie im Alltag oft sprachlos zurück. „Leute springen noch rein, wenn sich die Türen schon schließen. Manche Mütter schieben ihren Kinderwagen zwischen die Türen, obwohl der nächste Zug in 3 Minuten kommt – das verstehe ich nicht,“ erzählt sie mir als unsere Schicht schon zu Ende geht. „Ich würde mir wünschen, dass Fahrgäste da ein bisschen besonnener werden.“

Abschied_U-Bahn-Fahrer Hamburg

Mit diesem Gedanken verabschieden wir uns um kurz vor 21 Uhr am Jungfernstieg. Ich winke Melanie noch am Bahnsteig der U1 hinterher, den sie diesmal als ganz gewöhnlicher Fahrgast in Richtung Norderstedt verlässt – ein Perspektivwechsel, der wohl nur bei wenigen Jobs eben auch zum Alltag dazu gehört.


Na? Neugierig geworden? Wir suchen immer mal wieder U-Bahn-Fahrerinnen und -Fahrer. Offene Stellen, Infos und Ansprechpartner findet Ihr unter diesem Link. Klickt Euch rein!

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9 Kommentare zu: 1 Tag auf Strecke – mit U-Bahn-Fahrerin Melanie

  1. Danke für diesen grundsympathischen Bericht über/Einblick in die Welt einer U-Bahnfahrerin – vor dem ich großen Respekt zolle! Nahezu jeden Tag beständig aufs neue und dann noch nicht mal vorab zu wissen, wo und wie! Hut ab mein Deern – wenn ich das Ihr/Ihnen mal freundlich mit einem Lächeln zurück abschließend sagen darf!

    Ein angenehmes Wochenende wünschend!

  2. Mich würde mal interessieren wann die U-Bahn-Fahrer auf Toilette können. So eine „Runde“ auf der U1 kann ja ganz schön lang werden. Und was macht man bei einem „Notfall“?

    1. Die Frage habe ich natürlich auch gestellt 😉 Oberste U-Bahn-Fahrer-Regel: Du gehst immer, wenn du kannst, auch wenn du nicht musst. So sind die Kolleginnen und Kollegen eigentlich immer gut aufgestellt und entwickeln über die Zeit auch eine ganz gute Erfahrung.

      1. Und die Übersetzung dafür = Du darfst natürlich nicht auf Klo wenn du auf der Fahrt bist um den Fahrplan einzuhalten ansonsten Kündigung …..

      2. Falsch! Natürlich geht das auch während der Fahrt. Kommt aber selten vor. Dann wird schnellstmöglich die Leitstelle informiert und ein Zwischenhalt eingelegt. Dann müssen Fahrgäste warten. Bisschen sonderbarer Kündigungsgrund, oder? Also: nicht immer so negativ denken.

      3. Und nebenbei, wenn es nicht mehr zu halten ist, Leitstelle informieren und nächste Haltestelle auf’n Pott ist auch möglich.

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