Faktencheck: Busbeschleunigung

Gestern Abend ging es bei Schalthoff Live um die Busbeschleunigung. Auch wenn die HOCHBAHN nicht für die Baumaßnahmen zuständig ist, sondern mit ihren Fahrgästen von dem Programm profitiert, gibt es Fragen über die Notwendigkeit und den Sinn. Wir haben uns die brennendsten Fragen mal raus gegriffen und hier beantwortet.

Sollen die Busse in Zukunft rasen?

Natürlich nicht. Busbeschleunigung heißt nicht, dass Busse rasen, sondern dass das Bussystem so optimiert wird, damit ein Bus für eine bestimmte  Strecke weniger Zeit benötigt. Er soll nicht schneller fahren, sondern ohne unnötige Störungen zügiger durch den Verkehr kommen.

Ist Busbeschleunigung wirklich nötig?

Ja! Die Fahrgastzahlen steigen und auch in Zukunft werden viele Menschen mit dem Bus fahren oder sogar ganz auf ihn angewiesen sein. Dafür muss Busfahren noch zuverlässiger, gleichmäßiger und komfortabler gemacht werden.
Ein Beispiel: Heute fahren  zwischen 8 und 9 Uhr durch die Lange Reihe rund 1.200 Fahrgäste mit dem Bus. Wenn auf Busse zukünftig kein Verlass ist, weil diese nicht regelmäßig kommen oder aber man keinen Platz findet, würden viele Busnutzer möglicherweise auf ihr eigenes Auto umsteigen. Dabei muss man berücksichtigen, dass in der genannten Zeit in der Langen Reihe die Busse heute  ca. 1.000 Autos ersetzen, die ansonsten zusätzlich auf der Straße wären.

Wie reduzieren wir die Zeit für den Fahrkartenverkauf?

Derzeit haben wir bereits Fahrkartenautomaten auf einigen Haltestellen aufgestellt. Auch in Zukunft wird es vor allem auf der 5 und 6 mehr davon geben. Auf der 6 wird es z.B. mit einer Ausnahme an allen Haltestellen zwischen Borgweg und Mundsburger Brücke Fahrtkartenautomaten geben.  Das kostet zwar auch viel Geld, ist aber gut angelegt, weil der Verkauf beim Fahrer weg fällt und damit Zeit spart. Das ist ein Angebot an die Fahrgäste. Verbieten wollen wir den Verkauf beim Fahrer aber nicht, denn gerade ältere Fahrgäste legen darauf viel Wert darauf.

Warum brauchen wir eigentlich Fahrradschutzstreifen?

Was die eigentlichen Vorteile für Fahrradfahrer angeht, kennt sich der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) da sicher am besten aus. Wir sind im Grunde Nutznießer des Fahrradschutzstreifens, weil dieser Falschparken in zweiter Reihe verhindert. Das sieht man sehr deutlich am Fahrradschutzstreifen im Mühlenkamp, der ja auch von der dortigen Bürgerinitiative gelobt wird. Damit hat dann nicht nur, aber auch der Bus freie Fahrt. Das spart Zeit, denn abruptes  Bremsen und Anfahren oder Umfahren der Falschparker entfallen.

Wieso führt Busbeschleunigung zu mehr Platz im Bus? 

Bei einer Verkürzung der Reisezeit kommt der Bus nicht bloß schneller von A nach B, sondern er kann dieselbe Strecke insgesamt auch öfter fahren.
Ein Beispiel dazu: Ein Busfahrer fährt einen Bus auf einer beliebigen Linie. Das macht er 8 Stunden am Stück, also 480 Minuten. Das bedeutet, dass dieser eine Bus bei einer Fahrzeit (hin und zurück) von 40 Minuten 12 Mal den Umlauf fahren und Fahrgäste mitnehmen kann. Bei einer Verkürzung der Reisezeit um 8 Minuten (ein durchaus realistisches und künftig an den neuen Fahrplänen ablesbares Resultat) schafft der identische Busfahrer mit dem identischen Bus in den 480 Minuten seiner Schicht „plötzlich“ 15 anstatt 12 Streckenumläufe. Das sind also ganze 3 Mal mehr. Da in einen Gelenkbus 105 Fahrgäste passen, heißt das also, dass der Busfahrer in den 8 Stunden auf seiner Strecke bis zu 315 Fährgäste mehr beförden kann. Von den für diesen Job wichtigen Pausen haben wir in dem Beispiel mal abgesehen.

Was ist eigentlich eine „Pulkbildung“? 

Auf vielen Linien, so auch insbesondere auf der 6, können Sie als Fahrgäste fast jeden Tag die „Pulkbildung“ selbst beobachten. Durch Verzögerungen im Umlauf (rote Ampeln, zugeparkte Bushaltebuchten und Falschparker in zweiter Reihe) fahren die Busse nicht im eigentlich vorgesehenen Takt (in der Hauptverkehrszeit alle gut 3 Minuten), sondern „laufen aufeinander auf“. Mit der Folge: Der erste Bus ist gerammelt voll, der zweite ist immer noch gut voll und der letzte fährt fast leer hinterher. Und dann kommt im schlechtesten Fall 9 Minuten lang kein Bus, die Haltestelle wird wieder voller – und das Spiel geht von vorne los. Damit sind die Busse sehr ungleichmäßig  ausgelastet und schaffen viel weniger als die rechnerischen 315 Fahrgäste in 10 Minuten. Der vorhandene Platz in den Bussen wird also nicht optimal ausgenutzt, sondern regelrecht verschenkt. Auch diesem Problem wird durch die Busbeschleunigung entgegengewirkt. Mit einer intelligenten Ampelschaltung, Busspuren, Verlegung von Haltestellen, Fahrkartenautomaten und z.B. Fahrradschutzstreifen  fahren die Busse gleichmäßiger durch den Verkehr. Dadurch kommt in regelmäßigen Abständen ein Bus, der nicht zu voll ist und in den Wartende immer einsteigen können.

 

Uns interessiert natürlich auch, was Sie für Fragen haben?



10 Kommentare zu “Faktencheck: Busbeschleunigung

  1. Als ehemaliger Genießer des perfekten Hamburger ÖPNV und heutiges Opfer der Kölner KVB kommen mir natürlich die Tränen vor Neid nach so einem Artikel. Nicht nur wegen des Inhaltes an sich, sondern auch der Tatsache wegen, dass überhaupt so transparent und engagiert kommuniziert wird. Chapeau!

  2. Ich verstehe nicht, warum die Schnellbusse nicht endlich zuschlagsfrei werden. Das vorhandene Linien- und Kapazitätsangebot würde eine unschlagbare zusätzliche Kapazität für den Hamburger Busverkehr mit sich bringen. Von der Attraktivität des Verkehrsmittels mal ganz zu schweigen. Ein Expressbus-System nach Berliner oder mittlerweile Münchener Vorbild wäre auf den etablierten Strecken der 30er Busse viel sinnvoller.

  3. Wie geht es jetzt weiter? Bisher wurden alle Änderungsvorschläge der Bürger abgelehnt und jetzt werden die unstrittigen Fahrkahrtenautomaten aufgestellt.

    • Da sind wir tatsächlich nicht die richtigen Ansprechpartner. Die Baumaßnahmen (und die Planungen) liegen beim Landesbetrieb, Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG).

  4. Sehr guter Faktencheck. Ich hoffe sehr dass sie diesen nun auch als Flugblatt in allen Bussen auslegen, und vielleicht auch in jedem Bus auch sonst ein paar Hinweise (z.B. 1-2 der Werbefläche durch Werbung für die Busbeschleunigung ersetzen)

  5. Das Busbeschleunigungsprogramm ist großer Schwachsinn, der nur viel Geld kostet. Auch andere Baumaßnahmen wie Rückbau der Bushaltebuchten schwächt nur den Individual- und Wirtschaftsverkehr. Bereits Ende der 60er Jahre war ein Ausbau der U-Bahnnetzes geplant. Den Ausbau hat man verschlafen und versucht nun den ÖPNV durch zweifelhafte Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Auch dieses wird nicht gelingen und ich hoffe, daß die Bürgeriniative GEGEN das Busbeschleunigungsprogramm Erfolg hat. Stoppt den Schwachsinn und betreibt sinnvolle Verkehrspolitik.

    • Busbeschleunigung bringt was, wie wir auf der 5 und 6 sehen werden. Wir wollen auch nicht den Individual- und Wirtschaftsverkehr schwächen, aber insbesondere bei Engpässen hat die Formulierung „Demokratisierung des Straßenraums“ vom Senat schon seinen Sinn. Wenn nämlich ein Pkw eine Busbucht zuparkt, muss ein Bus mit bis zu 105 Fahrgästen einfach warten. Mit der Busbeschleunigung bekommen dann letztlich diejenigen Vorrang, die in der Überzahl sind und das sind im Vergleich zum Auto, in dem im Schnitt nur 1,2 Personen sitzen, die Fahrgäste im Bus. Natürlich bedeutet das, dass Pkws auch mal zurückstecken müssen. Die Benachteiligung soll aber durch die Maßnahmen so gering wie möglich gehalten werden.
      Klar, den Ausbau des U-Bahn-Netzes hätte es schon viel früher geben sollen. Da die Planungen dazu nun aber erst laufen und das eben auch seine Zeit dauert, brauchen wir für jetzt eine Lösung.

  6. Auch bei einem sehr gut ausgebauten SPNV-Netz müsste man das Hamburger Bussystem „beschleunigen“ bzw modernisieren und optimieren. Sehr gute SPNV-Netzte benötigen auch eine starke Zubringerleistung. Das wird nur durch Busse möglich sein, weil die Feinverteilung nur so sicher gestellt ist. Das könnte im Übrigen auch eine Stadtbahn nicht komplett übernehmen. Auch in München-wo man wohl das beste Schnellbahnnetz Deutschlands hat, wurden Buslinien mit Ampelvorrangschaltungen und zusätzlichen Busspuren optimiert.

  7. Ich lese mit Interesse, dass auf der Linie 6 zwischen Borgweg und Mundsburger Brücke in Kürze an jeder Haltestelle Fahrkartenautonmaten installiert sein sollen. Warum bitte nicht am Graumannsweg und am Khs St. Georg? In unmittelbarer Nähe beider Stationen befinden sich Hotels, was dazu führt, das besonders hier wesentlich mehr Fahrgäste beim Fahrer ihr Ticket kaufen als an den anderen genannten Stationen.
    Zu den Radfahrern und zur selben Linie (6): Mittlerweile bestimmen in den Straßenzügen Hofweg, Papenhuder Strasse und Lange Reihe die Radfahrer das Tempo der Busse. Ist das so gewollt?

    • Für die Aufstellung der Fahrkartenautomaten gibt es viele Kriterien. Unsere Planer gucken sich das aus verschiedenen Perspektiven an. Im Blickfeld sind hier vor allem die Anzahl der Fahrgäste, die Lage der Haltestelle und auch, wie viele Leute überhaupt beim Busfahrer ihre Karte kaufen. Genau diese Haltestellen bekommen dann einen Fahrkartenautomaten. Natürlich spielt auch eine Rolle, wie viele Fahrkartenautomaten überhaupt aufgestellt werden. Da bekommen manche Haltestellen aus eben den genannten Gründen Vorrang. Zudem ist ein Fahrkartenautomat mit 35.000€ Anschaffungskosten und den Kosten für die Wartung nicht gerade billig. Da muss das Verhältnis zu den gekauften Karten auch stimmen.
      Zu den Fahrrädern: Wo genug Platz ist, wird auch versucht, einen Fahrradstreifen anzulegen. Auf manchen Straßen geht dies leider nicht. Da gilt dann immer auch ein wenig gegenseitige Rücksichtnahme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte lösen Sie die folgende Aufgabe: *