Quartiersbus

Quartiersbusse – Was wir uns darunter vorstellen können und was sie mit dem Hamburg-Takt zu tun haben

Er ist klein, schmal und elektrisch: Heute wurde der Kleinbus ATAC Electric des türkischen Herstellers Karsan vorgestellt, den die HOCHBAHN diese Woche auf Herz und Nieren (oder in diesem Fall eher Batterie und Räder) testet. Künftig sollen Modelle wie diese als Quartiersbus in Hamburg unterwegs sein. Was genau das bedeutet und wieso der Bus dabei so ungewöhnlich klein ist, habe ich mir einmal genauer angeschaut.  

Was hinter den Quartiersbussen steckt

Die Idee: Wie der Name schon vermuten lässt, sollen mit den Quartiersbussen bestimmte Quartiere erschlossen werden. Dabei handelt es sich meistens um Wohnsiedlungen mit engem Straßennetz, die weiter entfernt von der nächsten Schnellbahnstation liegen und damit noch keinen direkten Zugang zum ÖPNV-Netz haben. Das wird sich künftig ändern, denn die Busse holen die Anwohnerinnen und Anwohner quasi direkt vor ihrer Haustüre ab und bringen sie bequem zur nächsten U- oder S-Bahnhaltestelle.

Die Quartiersbusse sind damit ein Mittel zur Realisierung des Hamburg-Takts, von dem Pia euch bereits erzählt hat. Ziel des Hamburg-Takts ist, dass alle Hamburgerinnen und Hamburger innerhalb von fünf Minuten ein öffentliches Verkehrsangebot erreichen. Im Falle der Quartiersbusse ist die Idee folgende: Während die Anwohnerinnen und Anwohner bestimmter Quartiere heute noch weite Fuß- oder Radwege zur nächsten Schnellbahnstation zurücklegen oder gerade aus diesem Grund mit dem Auto fahren, benötigen sie künftig maximal fünf Minuten zur nächsten Bushaltestelle und werden mit dem Quartiersbus im Nullkommanix zur Bahnstation gefahren. Die Nahmobilität soll dadurch deutlich verbessert und das Auto erübrigt werden.

Dabei gibt es allerdings eine wesentliche Herausforderung: Die Quartiere (oftmals eben Wohnsiedlungen) sind meist durch enge Straßen und 30er-Zonen gekennzeichnet, die so einige Hürden mit sich bringen. Parkende Autos oder auch Verkehrshindernisse zur Geschwindigkeitsreduzierung machen die Durchfahrt für die heutigen Standardbusse mit Längen zwischen 12 und 21 Meter unmöglich.

Quartiersbus umfährt Hindernis
Viele Quartiere sind durch enge Straßen mit Verkehrshindernissen gekennzeichnet

Klein, praktisch, leise

Die Lösung: Der Einsatz eines kleineren und schmaleren Busses, der sich geschickt durch die engen Straßen und vorbei an allen Hindernissen winden kann, um somit direkt dorthin zu kommen, wo die Leute abgeholt werden möchten.

Selbstverständlich handelt es sich hierbei um einen E-Bus. Das Gute daran: Er ist leiser und emissionsfrei und hinterlässt damit weder Lärm noch Schmutz in den entsprechenden Wohnsiedlungen. 

Da das in der Theorie erstmal gut klingt, sich in der Praxis aber auch bewähren sollte, wird solch ein Busmodell aktuell von der HOCHBAHN getestet – bislang noch ohne Fahrgäste. Das Testfahrzeug ist 8,3 Meter lang, 2,43 Meter breit und bietet 22 Sitz- sowie 26 Stehplätze.

Quartiersbus von innen
Der ATAC Electric von innen: 22 Sitz- und 26 Stehplätze

Das Tolle dabei: Mein Kollege Christoph ist einerseits einer der Planer, der die späteren Linienverläufe und Haltestellenlagen festlegt. Nun hatte er auch die Freude, selbst am Steuer des Testfahrzeugs zu sitzen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, inwiefern das Fahrzeug für die Straßenverhältnisse vor Ort tatsächlich geeignet ist. Das nenne ich mal eine gelungene Verknüpfung von Theorie und Praxis.

Quartiersbus im Test
Planer und Tester zugleich: Christoph am Steuer des Testbusses

Daneben nehmen unsere Experten den Bus natürlich auch noch bezüglich weiterer Kriterien genau unter die Lupe. Beispielsweise werfen sie einen Blick auf die Batterieleistung, die technische Ausstattung oder auch den Fahrerarbeitsplatz.

Gibt es Quartiersbusse denn nicht schon?

Wer sich von euch diese Frage stellt, liegt natürlich nicht ganz falsch: Mit der Bergziege (Linie 588 aktualisiert: 488) ist im Blankeneser Treppenviertel schon ein Kleinbus der VHH unterwegs, der dem Sinn und Zweck der künftig geplanten Quartiersbusse nachkommt. (Die Linie 588 bedient die Strecke zwischen dem Blankeneser Bahnhof und Elbuferweg). Und auch die VHH-Linie 530 zwischen der U-Bahn-Station Hammer Kirche und Mittlerer Landweg kann in ihrer Funktion als Quartiersbus angesehen werden.

Nebenbei wird in Finkenwerder zum Fahrplanwechsel im Dezember die neue Linie 450 eingeführt. Sie dient ebenso zur Quartierserschließung, wird allerdings von einem herkömmlichen Stadtbus betrieben.

Ziel ist, das Konzept langfristig auf ganz Hamburg auszurollen.

Ab wann und wo sind die Quartiersbusse im Einsatz?

Aktuell ist der ATAC Electric ein sogenannter „Kundenfelderprober“. Bis solche Modelle aber auch tatsächlich durch die Quartiere rollen und Fahrgäste mitnehmen, dauert es noch ein Weilchen. Zuerst muss sich die HOCHBAHN einmal anschauen, welche Modelle es bereits auf dem Markt gibt und welche konkreten Anforderungen sich aus den Tests ergeben.

Ist erst einmal das Anforderungsprofil erstellt, erfolgen im Anschluss die Prozesse der Ausschreibung, Auftragsvergabe sowie Herstellung und Auslieferung. Parallel dazu werden Linienweg und die Haltestellenlagen genauer festgelegt und mit den örtlichen Bezirken sowie der Polizei abgestimmt.

Mit den ersten Kleinbussen sollen dann voraussichtlich Ende 2022 in einem ersten Schritt die Gebiete um die S-Bahn-Haltestellen Krupunder und Elbgaustraße sowie das Gebiet Langenhorn westlich der U1-Haltestellen Fuhlsbüttel, Langenhorn Markt und Kiwittsmoor erschlossen werden. Damit werden rund 8 100 bzw. 5 400 Hamburgerinnen und Hamburger besser an das Schnellbahnnetz angebunden.

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16 Kommentare zu: Quartiersbusse – Was wir uns darunter vorstellen können und was sie mit dem Hamburg-Takt zu tun haben

  1. Für Volksdorf wäre das dann ja auch mal was! So wie früher die Linie V1 /47. Und dann in dichterem Takt als heute die 375! 👍

    Grüße vom Buchenkamp
    Hans-Peter

    1. Volksdorf ist in die Planungen für den Hamburg-Takt mit eingebunden. Ob auch hier künftig ein Quartiersbus oder aber ein klassischer Stadtbus das heutige Angebot verbessern wird, ist noch nicht sicher.

  2. Wird auch geprüft in wie weit diese als Flexibus bzw. (Teil-)Rufbus-Linien betrieben werden können? Insbesondere Abends ist der Bedarf zumindest in Vorortquartieren oft von einer Stelle (typischerweise eine Schnellbahnhaltestelle) zu vielen anderen (wo immer die Leute wohnen).

    Ein Quartiersbus für Iserbrook nördlich der Sülldorfer Landstraße könnte z.B. erstens dort den stündlichen 285er ersetzen (=Kostenersparnis) und gleichzeitig die Leute vom S-Bahnhof direkt vor die Haustür bringen (zumindest abends)

    1. Iserbrook ist in die Planungen des Hamburg-Takts mit eingebunden. Wie genau die Lösung künftig aber aussehen wird, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Flexi- und Rufbusse sind ja eine Form von On-Demand-Services. Generell werden On-Demand-Angebote im Rahmen des Hamburg-Takts eine Rolle spielen. Welche Verkehrsmittel im HVV dafür eingesetzt werden, wird noch geprüft. Quartiersbusse stellen allerdings kein On-Demand-Angebot dar, da sie nach einem ganz normalen Fahrplan verkehren werden.

  3. Das hört sich ja alles gut an, wenn der Einstieg auch rollstuhlgerecht ist und nicht wieder wie bei Moia Rollstuhlfahrer draussen bleiben müssen. Ist die Barrierefreiheit im Anforderungsprofil aufgenommen?

  4. Guten Morgen, eine sinnvolle Idee, aber wäre Anschlüsse zu gewähren, ich sehe schon wieder vom X35 zum X22, in Richtung Wandsbek, hat die Hochbahn nix gelernt, von den Massiven Beschwerden, an die Politiker, weil die Anbindung vom alten Schnellbus 35, das Die S Bahn Haltestelle Wandsbeker Chaussee schlecht angebunden ist, und viele Stammfahrer verloren hat ??

    Der ÖPNV wird nur benutzt wenn er zum benutzen ist ?

    Wann werden endlich die Fahrgäste in den Stadtteilen befragt ?

    1. Die X35 fährt Wandsbeker Chaussee gar nicht an und die X22 ist ja erst seit dieser Woche auf der Straße. Daher kann ich gerade leider nicht ganz nachvollziehen, was Sie meinen. In jedem Fall aber kann ich sagen, dass die HOCHBAHN einen großen Wert auf Bürgerbeteiligung legt und die Hamburgerinnen und Hamburger bezüglich Themen wie Netzausbau und Hamburg-Takt deshalb auch in die Planungen einbindet. Die letztendliche Umsetzung hängt aber natürlich auch von betrieblichen Rahmenbedingungen ab und wird von der vorhandenen Infrastruktur beeinflusst.
      Insofern gibt es auch zusätzliche Voraussetzungen neben den Kundenbedürfnissen, die unsere Angebotsgestaltung beeinflussen.

    1. Da haben Sie recht! Das habe ich etwas durcheinander gebracht. Bei der Bergziege im Treppenviertel handelt es sich natürlich um die Linie 488 🙂

  5. Merkwürdig, der (Nacht)Kleinbus Linie 250 zwischen Bahnhof Neugraben und Endhaltestelle Fischbeker Heideweg wird nicht erwähnt.
    Er fährt seit etwa 35 Jahren von etwa 19.30 bis 0.30Uhr an 365 Tagen in der Woche.
    Gerüchten zu Folge, soll der derzeitige Betrieb zum Winterfahrplan umgestellt werden.

    Meine Fragen:
    Warum soll dieser bewährte Dienst grundlegend verändert werden?
    Was ist ab dem Winterfahrplan geplant?

    Über eine Antwort würde ich mich freuen.

    1. Das ist richtig – Auf den Linien 250 und 368 werden noch die letzten von Taxenunternehmen betriebenen Kleinbusse eingesetzt, die vor über 30 Jahren eingeführt wurden. Der Unterschied zu den hier vorgestellten Quartiersbussen besteht darin, dass sie nochmals deutlich kleiner und zudem nicht barrierefrei zugänglich sind. Da die Fahrgastzahlen in den letzten Jahren allerdings gestiegen sind und voraussichtlich weiter steigen werden, stellt sich die Frage, ob die Fahrgast-Kapazität dieser Kleinbusse noch ausreicht, oder ob sie künftig nicht auch durch andere Konzepte, wie beispielsweise das der Quartiersbusse, ersetzt werden.

  6. Also ich habe das Ziel „Hamburg-_TAKT_“ bisher anders verstanden, nämlich, dass an jeder Haltestelle zu jeder Tag- und Nachtzeit mindestens alle 5min ein Verkehrsmittel fährt. Oder vielleicht nicht jede Haltestelle, aber zumindest, dass für jeden Menschen im Einzugsgebiet alle 5min ein Verkehrsmittel in akzeptabler Entfernung fährt. Eben ein 5-Minuten-Takt an jeder Haltestelle.

    Mit der Beschreibung im Text oben, klingt es aber eher so, dass ich in maximal 5min von jedwedem Standort im Einzugsgebiet eine Haltestelle erreiche. Mit Takt hat diese Interpretation ja wenig zu tun. Und ob ich dort 5min oder 5h auf das nächste Verkehrsmittel warten muss, sagt diese Variante eben auch nicht aus.

    1. Hamburg-Takt bedeutet, dass künftig innerhalb von fünf Minuten ein HVV-Angebot zur Verfügung steht. Das bedeutet also nicht, dass es immer dieselbe Linie sein muss, sondern es können auch alternative HVV-Angebote, wie beispielsweise On-Demand-Services sein, die zu bestimmten Uhrzeiten verfügbar sind. Hamburg-Takt bedeutet aber nicht, dass alle Linien zu jeder Zeit im Fünf-Minuten-Takt fahren. (Manche U-Bahn-Linien beispielsweise werden mit Sicherheit auch in noch kürzeren Abständen verkehren)

  7. Die Blankeneser Bergziegenlinie ist die 488 die den Blankeneser Ring bedient. Die 588 ( ex 49) wird zwar auch mit Kleinbussen gefahren, doch der Unterschied ist, das es lediglich 4 Fahrtenpaare von Mo- Fr., Samstag isses noch düsterer lediglich zwei Fahrten und Sonntags lassen wir den Bus gleich im Schuppen. Bei der 588 ist noch ne Menge Luft nach oben inkl. Linienergänzung.

    1. Da haben Sie vollkommen recht, das habe ich im Beitrag etwas durcheinander gebracht. Die 588 verkehrt zwischen dem Bahnhof Blankenese und Elbuferweg, die eigentliche Bergziege im Treppenviertel ist allerdings die Linie 488.

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