Blick auf das Viadukt nördlich der Norderstraße

Der Rothenburgsort-Tunnel – ein HOCHBAHN Lost Place

Die U-Bahn-Linie nach Rothenburgsort erschließt seit 1915 die dicht besiedelten Stadtteile Rothenburgsort und Hammerbrook und bringt zehntausenden Menschen moderne Mobilität. Doch im Feuersturm des Sommers 1943 werden nicht nur die umliegenden Stadtteile weitgehend zerstört, auch die U-Bahn-Linie wird stark beschädigt und schließlich demontiert. Übrig bleibt nur ein kleines Tunnelstück – ein echter HOCHBAHN Lost Place.

Aber fangen wir von vorne an: Als erste U-Bahn-Linie der Stadt vernetzt die 1912 eröffnete Ringlinie, die heutige U3, mit ihren 23 Haltestellen erstmals weite Teile Hamburgs  – damals eine echte (erste) Mobilitätswende. Um mehr Quartiere der Stadt ans moderne U-Bahn-System anzubinden, entstehen drei von der Ringlinie abzweigende U-Bahn-Linien: nach Eimsbüttel (heute U2), nach Ohlsdorf (heute U1) und nach Rothenburgsort.

Anfänge der Rothenburgsortlinie

Vom Hauptbahnhof abzweigend verläuft die Strecke nach Rothenburgsort zunächst unterirdisch zum Besenbinderhof, wo der Tunnel über eine Rampe auf eine anschließende Viaduktstrecke geführt wird. Dann durchquert die U-Bahn mit Hammerbrook und Rothenburgsort lebendige Stadtteile, die geprägt sind von vielen kleinen Läden, Gewerbe- und Industriebetrieben sowie dichter Wohnbebauung.

Die Haltestelle Spaldingstraße im Mai 1915.

Mit den vier Haltestellen sollen möglichst viele Menschen der klassischen Arbeiterquartiere einen direkten U-Bahn-Zugang erhalten und damit schneller zu ihren Arbeitsplätzen – oft am Hamburger Hafen oder im Zentrum der Stadt – gelangen können. Immerhin geht’s auf der 3 km langen Strecke in nur sieben Minuten vom Hauptbahnhof über die Haltestellen Spaldingstraße, Süderstraße und Brückenstraße bis zur Endhaltestelle Rothenburgsort.

ehemaliger Verlauf der Rothenburgsortlinie

Darstellung des U-Bahn-Netzes um 1915. Die hier noch als Billstraße bezeichnete Haltestelle wurde kurz vor der Eröffnung der Rothenburgsortlinie in Brückenstraße umbenannt.

Im Jahr 1909 starten erste Vorbereitungen und Erdarbeiten am Hauptbahnhof, 1912 wird mit dem eigentlichen Bau begonnen und noch im selben Jahr ist der Tunnelabschnitt fertig. Ab 1913 entstehen dann die vier Haltestellen und in Rothenburgsort noch drei Kehr- und Rückstellgleise. Später wird dort noch ein kleiner Betriebshof mit Wagenhalle errichtet. Obwohl wegen des Beginns des Ersten Weltkriegs Arbeiter fehlen und die Materialbeschaffung schwierig ist, gehen die Bauarbeiten an den Viadukten und Brücken weiter. Zwar verzögert der harte Winter 1914/15 die Bauarbeiten, doch am 27. Juli 1915 ist schließlich alles betriebsbereit und die Rothenburgsortlinie wird für den Verkehr freigegeben – um 4:54 Uhr fährt die erste U-Bahn.

Die Haltestelle Brückenstraße

Die Haltestelle Brückenstraße, 1915

Der große Erfolg bleibt aus

Zunächst bleiben die Fahrgastzahlen allerdings hinter den Prognosen zurück. Und im Zuge der Weltwirtschaftskriese und der Hyperinflation in Deutschland stellt die HOCHBAHN den Betrieb im September 1923 dann sogar ein und nutzt den Tunnel am Besenbinderhof als Abstellanlage für U-Bahn-Wagen. Dagegen formiert sich Protest von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Gewerbetreibenden in den Stadtteilen, der letztlich dazu führt, dass die U-Bahnen ab Februar 1924 wieder fahren, jedoch nur mit einem einzelnen Triebwagen. In den nächsten Jahren wird die Rothenburgsortlinie eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen in Hamburgs Süden. Pläne zur Erweiterung der Linie nach Billbrook und in den Freihafen werden jedoch nicht zuletzt aufgrund der Weltwirtschaftskrise nicht umgesetzt.

Die Endhaltestelle Rothenburgsort, 1915

Die Endhaltestelle Rothenburgsort, 1915.

Zerstörung im Feuersturm

Während des Zweiten Weltkrieges gibt es seit 1940 immer wieder Bombenangriffe auf Hamburg, die ihren zerstörerischen Höhepunkt in der „Operation Gomorrah“ finden: Am Abend des 27. Juli 1943 beginnen britische und amerikanische Bomber mit mehrtägigen Angriffen auf die Hansestadt. Im Verlauf entwickelt sich ein infernalischer Feuersturm, der große Teile Hamburgs zerstört und zehntausende Tote fordert. Hammerbrook und Rothenburgsort gehören zu den besonders schwer getroffenen Stadtteilen und werden zu 95 % zerstört. Ebenso werden die Viadukte, Brücken und Haltestellen der U-Bahn-Linie stark in Mitleidenschaft gezogen. Über Jahre bleiben Hammerbrook und Rothenburgsort fast menschenleere Trümmerwüsten, weshalb auch Pläne zum Wiederaufbau der U-Bahn-Linie verworfen werden.

Zerstörtes Viadukt im Nagelsweg

Zerstörtes Viadukt im Nagelsweg, 1943.

HOCHBAHN Lost Place: Der Rothenburgsort-Tunnel

Noch während des Krieges werden alle nutzbaren Materialien wie Metall, Schienen, Kabel und dergleichen genutzt, um damit an anderer Stelle im Netz Schäden zu reparieren. 1951 beginnt die HOCHBAHN dann mit der endgültigen Demontage: Zuerst wird das Viadukt am Nagelsweg abgerissen, im Juli folgen dann die Reste der Haltestelle Süderstraße und schrittweise die verbleibenden Abschnitte. Die letzten Gleise aus dem Tunnel werden 1954 entfernt. Übrig bleiben einige überirdische Pfeiler und Stützmauern – und ein kleiner Tunnel unter dem 1922 entstandenen Bürogebäude einer Versicherung am Besenbinderhof. Durch den Bau der heutigen U1 nach Wandsbek ab 1958 wird dieses Tunnelstück vom übrigen U-Bahn-Netz abgetrennt und fortan bis Anfang der 2000er Jahre als Aktenlager genutzt.

Seine Struktur hat der inzwischen zum Lost Place gewordene Tunnel dabei nie eingebüßt: bis heute sind die charakteristischen Mittelstützen erhalten und die Krümmung verweist auf den ursprünglich anderen Zweck. So schlummert unweit des ZOB ein echter HOCHBAHN Lost Place als letztes großes Zeugnis der U-Bahn-Linie nach Rothenburgsort.

Der Tunnel der Rothenburgsort-Linie

Der Tunnel der Rothenburgsort-Linie 2017.


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27 Kommentare zu: Der Rothenburgsort-Tunnel – ein HOCHBAHN Lost Place

  1. Moin,

    als Literatur zur alten Strecke nach Rothenburgsort (und zu sonstigen Tunnelanlagen), kann ich „Hamburgs dunkle Welten“ von Ulrich Alexis Christensen empfehlen. Dort ist auch ein Bild der Vorleistung eines 30m-Tunnelstücks unter der Ringlinie, zwischen Berliner Tor und Hauptbahnhof-Süde abgebildet, der Tunnel war für die projektierte Freihafen-U-Bahn gedacht und sollte bei dem ebenfalls dafür projektierten U-Bahnhof Lindenplatz ausfädeln, der sich zwischen den beiden Haltestellen befunden hätte.

  2. Der Innenhof der Ecke Besenbinderhof/Nagelsweg besteht weitestgehend aus Parkplätzen. Aber es gibt an einer Stelle auch eine Art „Tiefgeschoss“ (inkl. 1 PKW-Stellplatz). Dieser von oben (Nagelsweg 14) aus einsehbare Tiefbereich zwischen den Parkplatzflächen wird an seiner nördlichen Seite durch eine merkwürdige – massiv scheinende, sich nach oben verjüngende – Mauer abgeschlossen.
    Ist das ein Verschluss des Tunnelmundes (nach dem die Linie südlich auf dem Viadukt weitergeführt wurde), oder womöglich eine übriggebliebene Stützkonstruktion für das beginnende Viadukt?

    1. Der Abstand zwischen der Haltestelle Hauptbahnhof und der Haltestelle Spaldingstraße betrug 760 Meter. Der Großteil davon war Tunnelstrecke, wie lang das noch erhaltene Stückchen ist, habe ich nicht ausgemessen, es sind aber nur ein paar Dutzend Meter.

  3. Vielen Dank für die interessanten Ausführungen. Aber zum besseren Verständnis auch im heutigen Stadtplan wäre eine Karte des Streckenverlaufs wirklich hilfreich. Vielleicht hier nachreichen? Danke!

  4. Der „infernalische Feuersturm“ der „Operation Gomorrah“ im Juli 1943 war so beabsichtigt und bewusst durchgeführt. Die Briten haben diesen Feuersturm mit wissenschafticher Akribie vorbereitet und geplant. Als das lange heisse Sommerwetter in Hamburg für die Entfachung eines Feuersturms sprach, begannen sie ihre lange vorbereitete Bombardierung. Ziel war die Vernichtung möglichst vieler Menschen, die in der Hamburger Rüstungsindustrie arbeiteten und die Demoralisierung der Bevölkerung Hamburgs. Es ging bei der Entfachung des Feuersturms nicht um die Vernichtung direkter militärischer Ziele bzw um die Vernichtung relevanter Industriebetriebe, sondern um die Vernichtung von Menschen und ihrer Wohnungen.

      1. Es geht hier mitnichten um „Opferkult“. Im Fokus steht, die Geschichte der U-Bahn-Linie nach Rothenbugrosrt als Teil der Historie der HOCHBAHN aber auch der Stadt Hamburg nachzuzeichnen. Dazu gehört auch deren Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges, zumal der Feuersturm objektiv schwere Zerstörungen hinterlassen hat und tausende Menschen den Tod fanden. Und die Ereignisse des Sommers 1943 Teil des kollektiven Gedächtnisses Hamburgs wurden.
        Dies zu thematisieren bedeutet nicht, dadurch die Kriegsschuld und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes in Abrede zu stellen oder auch nur zu relativieren. Ganz im Gegenteil, es ist Teil eines verantwortungsvollen Umgangs mit Stadt- und Unternehmensgeschichte.

        Dezidiert mit der Geschichte der HOCHBAHN im Nationalsozialismus setzt sich der Beitrag „#we remember. Die HOCHBAHN im „Dritten Reich“ – vom Mythos der Unschuld“ hier im Blog auseinander: https://dialog.hochbahn.de/allgemein/die-hochbahn-im-dritten-reich-vom-mythos-der-unschuld/

        Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex bietet die von der „Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg“ erarbeitete wissenschaftliche Studie „Nahverkehr und Nationalsozialismus. Die Hamburger Hochbahn AG im „Dritten Reich“ “ von Dr. Christoph Strupp, die 2010 in der Reihe „Forum Zeitgeschichte“ (Nr. 22) erschien.

  5. Faszinierend. Könnte man mal Karten anfertigen und dem Beitrag ergänzen wo die Strecke lief, die Stationen waren und der Rest Tunnel ist?

      1. Moin, ich schreibe im Rahmen meines Studiums eine Hausarbeit über den Wiederaufbau der Hamburger Hochbahn nach Kriegsende und wollte wissen, ob ihr noch Fahrplanunterlagen oder Ähnliches aus der Zeit habt, was man sich ansehen könnte. Für mich wäre es mega schön mit den Orginalquellen arbeiten zu können und ich würde mich freuen, wenn das Irgendwie geht.
        Beste Grüße
        Matjes

    1. Der Tunnel ist nur sehr schwierig zugänglich, aufgrund der sich so ergebenden Sicherheitsrisiken eignet er sich nicht für Besichtigungen. So schade das ist, Führungen sind betriebstechnisch leider nicht möglich.

    1. Das erhaltene Tunnelstück der Rothenburgsortlinie befindet sich am Besenbinderhof, unweit des ZOB und nicht direkt am bzw. im Hauptbahnhof. Es gibt auf der Ebene der Haltestelle Hauptbahnhof Nord jedoch zwei Tunnelröhren, die zur Zeit ungenutzt bzw. mit einer Kunstinstallation versehen sind.

    2. Nein, Der Tunnel war bis 1943 in Betrieb, die Ganze U-Bahnstrecke nach Rothenburgsort ist nie wieder aufgebaut worden. Alles was Sie heute als City – Süd südlich des Berliner Tors kennen und heute mit überwiegend Büro- und Gewerbeimmobilien bebaut ist war bis zum Feuersturm 1943 ein Wohngebiet mit etwa 170.000 Menschen – Das Gebiet war auch durchzogen von Kanälen, die nach dem Krieg mit Trümmern zugeschüttet wurde- die bekannteste Fläche ist die heutige Nordkanalstraße Stadtauswärts nach Osten – die Straße ist auf dem Verlauf des alten Nordkanals erbaut, der vollständig mit Trümmern zugeschüttet worden ist.

  6. Wenn man mit der U3 aus dem Hbf Süd fährt sieht man Richtung Berliner Tor noch die alte Tunnelrampe. Die Station am Hbf war übrigens mal viergleisig, in der Mitte wo heute der Kiosk steht gab es noch 2 weitere Gleise

    Es gibt noch zahlreiche weitere solche Sachen:

    – Die beiden ungenutzten Tunnelröhren am Hbf
    – Ein als Tiefgarage verwendeter Stationsrohbau unter dem Hopfenmarkt, ehemals geplant für eine Verlegung der U3
    – Etliche Tunnelreste zwischen Hbf und Berliner Tor vom Linientausch U2/U3
    – Am messberg und der Hallerstraße wurden teilweise andere Säulen gebaut da dort weitere Linien gebaut werden sollten, da wo die metallsäulen sind sollte die Treppe hin
    – Tief gegründete Gebäude unter der gründgenstraße für die Ubahn, einen ganzen Bahnhof im Rohbau gibt es dort aber nicht
    – tunnelstutzen und Ausbuchtungen an verschiedenen Stellen im Tunnel, u.A. Burgstraße, Jungfernstieg oder Hbf Süd (U1)

    Bei Wikipedia unter U-Bahn-Hamburg steht noch ne Menge mehr dazu

    1. Das ist tatsächlich ein spannendes Stück HOCHBAHN-Geschichte. Aufgrund technisch-betrieblicher Besonderheiten wie der Zuwegung kann es allerdings nicht besichtigt werden.

      1. Nein. Als Betriebsanlage ist der Tunnel ja nicht als Gewerbeeinheit ausgelegt und kann nicht nur deswegen sicherlich nicht gemietet werden.

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