Zufluchtsort U-Bahn?

Morgens auf dem Weg zur Arbeit führt mich mein Gang auch über die Mönckebergstraße. Neben anderen ins Büro eilenden Leuten gehört hier noch etwas anderes zum fast schon gewohnten Bild: Schlaflager vor den Eingängen großer Kaufhäuser. Ich erwische mich dabei, dass ich sie manchmal schon gar nicht mehr wahrnehme. Irgendwie ist man das in einer Großstadt ja fast gewohnt, eine Situation, die – so bitter es klingt – zum Alltag irgendwie dazu gehört.
Und doch frage ich mich, gerade jetzt bei der Kälte da draußen: Wieso schlafen Menschen auf der Straße? Gibt es keine Unterkünfte für sie? Und ist die U-Bahn – egal ob die Fahrzeuge zum kurzen Aufwärmen oder aber die Haltestellen als Schlafplatz – der richtige Ort für diejenigen, die in Hamburg kein Dach über dem Kopf haben?

Bestandsaufnahme: Hamburg hat ein Winternotprogramm

Wer in Hamburg ohne Wohnung ist, kann in der Regel Hilfe bekommen. Es gibt ganz regulär Tagesaufenthaltsstätten, an denen man tagsüber Zuflucht suchen kann, und auch Übernachtungsstätten. Im Winter gibt es außerdem das sogenannte Winternotprogramm. Gerade bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt ist das Schlafen auf der Straße vor allem eines: lebensgefährlich. Im Winternotprogramm gibt es von November bis März 940 Schlafplätze. Das Programm bietet nicht nur einen Platz zum Schlafen, Duschen und Essen. Es soll auch beim Weg weg von der Straße helfen. Dafür gibt’s Sozialarbeiter, die immer zur Stelle sind. Denn eigentlich muss das Ziel doch eine richtige echte Perspektive sein und nicht nur eine temporäre Bleibe.

Obdachlosenunterkünfte gibt es in dieser Stadt also. Gerade im Winter sind die Unterkünfte verständlicherweise gut ausgelastet. Von vielen werden sie trotz freier Plätze dennoch gemieden. Oft werde geklaut, Privatsphäre gibt es keine und der Alkoholkonsum ist nur vor der Tür gestattet. Für viele sind das Kriterien, die die Straße attraktiver machen.

Immer wieder kommen deshalb auch unsere Haltestellen ins Spiel.

Daher die Frage: Sind U-Bahn-Haltestellen ein geeigneter Zufluchtsort?

In anderen Städten (z.B. Berlin und Hannover) werden ausgewählte Haltestellen  nachts nicht wie sonst abgeschlossen, sondern bleiben offen. In Hamburg  machen wir das nicht. Warum nicht?
Weil es die Notunterkünfte der Stadt gibt. Mit einem Bett, etwas zu essen und Beratung. Wir müssen die Bahnhöfe also nicht öffnen. Und: sie sind schlicht auch nicht für die Übernachtung geeignet, auch wenn es drinnen immerhin wärmer ist als draußen. Der Zugang zum Bahnsteig müsste gesichert werden, denn hier besteht wegen des Starkstroms auf den Gleisen Lebensgefahr. Das hieße: Umbaumaßnahmen an den Haltestellen. Selbst wenn man das täte, wären die Menschen immer noch die ganze Nacht allein im Bahnhof. Das bedeutet auch ein Sicherheitsrisiko. Wir tragen schließlich die Verantwortung für das, was dort passiert – also auch für Menschen, die hier übernachten würden. Wer schützt sie? Wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind – wer hat im Notfall ein medizinisches Auge auf die Betroffenen? Und wir wissen auch, dass in Gruppen auch mal Konflikte ausbrechen können.

Abseits dessen: Ist „nur“ ein Schlafplatz denn die richtige Lösung? Zudem ein Schlafplatz, bei dem ich erst um kurz nach 1 Uhr nachts schlafen kann und wo ich um 4:30 Uhr schon wieder vertrieben werde (so lange ist nämlich nur unsere Betriebspause in der Nacht)? Wo ich keine medizinische Hilfe bekommen kann, wenn ich sie brauche, kein Essen und es keine sanitären Anlagen gibt? In einer der reichsten Städte Europas muss es doch bessere Möglichkeiten geben als diese.

Sind nicht also Lösungen wie das Winternotprogramm gerade so wichtig und richtig, weil sie obdachlosen Menschen eine Perspektive bieten und ihnen Hilfe fürs Leben leisten? Wo sich Profis um die Menschen kümmern, denen geholfen werden kann? Und diese Profis sitzen in der Sozialbehörde – und nicht bei uns.

Es mag herzlos wirken, wenn wir in Hamburg eine Übernachtung in den Bahnhöfen nicht möglich machen. Eigentlich ist es das aber nicht. Wir tragen unseren Teil zur Hilfe bei. Obdachlose werden bei uns nicht einfach nur verjagt, sondern wir versuchen ihnen zu helfen, indem wir Hilfe holen, wenn sie welche brauchen. Wir weisen sie auf die Übernachtungsstätten hin und drücken auch mal ein Auge zu, wenn jemand kein Ticket lösen kann, um ins Winternotprogramm zu fahren. Wichtig ist uns – wie allen in der Stadt – dass obdachlose Menschen nämlich dorthin kommen, wo ihnen nicht nur ein sicheres Übernachten ermöglicht wird, sondern auch professionelle Hilfe angeboten werden kann, um den Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden. Und damit könnten wir mit unseren Haltestellen wirklich nicht dienen.

Mehr zum Winternotprogramm und zur weiteren Hilfe für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, gibt’s übrigens hier: www.hamburg.de/obdachlosigkeit.

 



9 Kommentare zu “Zufluchtsort U-Bahn?

  1. Ich stimme der Hochbahn hier zu: Ein Nahverkehrsanbieter ist nicht dafür zuständig der Obdachlosigkeit Abhilfe zu schaffen. Dafür sind die Sozialbehörden zuständig.
    Trotzdem: Die Bedenken der Hochbahn müssten ja theoretisch auch in Berlin oder Hannover bestehen. Dennoch bleiben dort ausgewählte Stationen nachts geöffnet.
    Selbe Situation, anderes Verhalten.

    • Gehen Sie bitte in Berlin in die U-Bahn rein. Habe selber mittendrin in der Mitte gewohnt (Rosenthaler Platz): Schmutz, Urin, Alkohol, Hashish, Raten – alles direkt am Bahnsteig. Wenn keiner sich verantwortlich fühlt, kommt die U-Bahn komplett runter, und die BVG-Kunden, die die U-Bahn tagtäglich nutzen, müssen all das angehen nur weil die Obdachlosen nicht in Übernachtungssstätten übernachten möchten.

  2. Absolut richtig! Hochbahn ist da, um Millionen Menschen eine Möglichkeit anzubieten ihren Weg zur Arbeit, Schule, Einkaufen usw möglichst bequem und sicher zu machen. Und nicht an 50 Obdachlosen einen Platz zu stellen nachts Alkohol und Drogen zu konsumieren…

    Ich freue mich, dass Sie von blinder „Wir-reten-die-ganze-Welt“ Rhetorik nicht infiziert seid.

  3. Wenn ein stadteigenes Unternehmen, welches – wie die Hochbahn – über Ressourcen, Logistik und Geld verfügt, um Obdachlosen in einer absoluten Notsituation (und ich meine damit Ausnahmefälle wie extrem kalte Witterungsbedingungen) kurzfristig helfen zu können, dieses aber mit dem Hinweis auf die Nicht-Zuständigkeit ablehnt, so zeigt es damit seine menschenverachtende und asoziale Gesinnung.

    • Wir finden, und ich glaube das hat der Blogbeitrag gut deutlich gemacht, dass nur ein Schlafplatz zu kurz gedacht ist. Unsere Mitarbeiter helfen Obdachlosen, die sie in unseren Haltestellen und Fahrzeugen antreffen immer weiter, wenn diese Hilfe benötigen. Die Stadt Hamburg hat zahlreiche Angebote geschaffen, bei denen auch die sanitäre und medizinische Versorgung gewährleistet werden kann.

      • „Unsere Mitarbeiter helfen Obdachlosen, die sie in unseren Haltestellen und Fahrzeugen antreffen immer weiter, wenn diese Hilfe benötigen.“

        Damit sind sicher nicht die Damen und Herren des Sicherheitspersonals gemeint …

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