Für die Fahrgäste da sein – Besuch beim Prüfdienst der Hochbahn-Wache

Aus meiner eigenen Erfahrung und aus Erzählungen meiner Bekannten weiß ich, dass man sich bei Fahrkartenkontrollen in ÖPNV öfter einer Stresssituation ausgesetzt fühlt. Ab und zu passiert es mir z.B., dass ich nach meiner Fahrkarte etwas länger suche und unruhig werde. Als Studentin habe ich einmal für das zu Hause vergessene Semesterticket einen Strafzettel kassiert. Es war mir peinlich, in aller Öffentlichkeit enttarnt zu werden, auch und gerade weil ich unbeabsichtigt Schwarzfahrerin wurde.

Wie die Fahrkartenprüfer uns Fahrgäste erleben, mit welchen Herausforderungen und Stresssituationen sie im Arbeitsalltag konfrontiert werden oder was ihnen am Job Spaß macht, fragt man sich als Fahrgast selten. Letzte Woche durfte ich im Rahmen meines Praktikums bei der HOCHBAHN die Hochbahn-Wache besuchen und drei Prüfdienstmitarbeiter auf ihrem Weg begleiten.

Zuerst spreche ich in der Zentrale mit Prüfdienstleiter Axel Tomforde. Er arbeitet seit 25 Jahren im Prüfdienst der HOCHBAHN und erklärt mir die Hintergründe und wieso es die Hochbahn-Wache gibt: „Es ist wichtig, dass die Fahrgäste wissen, dass es uns gibt, auch wenn sie gerade nicht selbst kontrolliert werden.“ Uns – das meint die rund 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und fast 100 Fahrkartenprüfer der Hamburger Hochbahn-Wache, die täglich im gesamten Stadtgebiet verteilt in den vier U-Bahn- und auf über 100 Buslinien der HOCHBAHN im Einsatz sind. Für die Fahrgäste da zu sein, d.h. individuell und kundenorientiert vorzugehen, ist auch für Cesare, Benjamin und Igor ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit im Prüfdienst.

Die Schicht der drei „Männer in dunkelblau“ beginnt an diesem Tag am Hauptbahnhof Süd in der U3. Wir steigen in den Zug Richtung Barmbek. Die Prüfer  gehen von einem Fahrgast zum nächsten und fragen stichprobenartig nach einem Lichtbildausweis, falls sie es mit einem Studententicket oder einer ProfiCard zu tun haben. Diese Fahrausweise sind nämlich personengebunden und nicht übertragbar. Wenn der Verdacht auf Fahrkartenfälschung besteht, wollen sie die Fahrkarte von der Hülle befreit sehen. „Schöne Weiterfahrt!“ – wünschen sie nach der Kartenprüfung. Cesare plaudert kurz mit einer Gruppe ausländischer Gäste: „How do you like Hamburg? Oh, great. Enjoy your trip!“
Die drei Kollegen sind ein eingespieltes Team: ob man in den nächsten Wagen einsteigt oder auf dem Gleis stehen bleibt und auf den nächsten Zug wartet, dafür brauchen sie keine Worte. Oft reichen Blickkontakt und Körpersprache.

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Beim Anblick der Fahrkartenkontrolle an der „Uhlandstraße“ steigt ein junger Mann in dem Moment aus dem Zug aus, als wir ihn betreten. Die Kontrolleure ahnen, dass er keinen gültigen Fahrausweis hat. „Man sammelt über die Jahre Erfahrung und kann Schwarzfahrer anhand einiger Verhaltensweisen oft schon vorher erkennen“, erzählt Igor. Das professionelle Gefühl täuscht sie nicht. Wir steigen zwischendurch aus und wen sehen wir da in der „Hamburger Straße“ wieder? Denselben jungen Mann – er zeigt ein bereits abgelaufenes Semesterticket vor. Ein erhöhtes Beförderungsentgelt ist die logische Konsequenz. Das ist übrigens seit dem 1.8.2015 auf 60 Euro gestiegen.

Als nächstes steigen wir in Barmbek aus und bewegen uns zurück in Richtung Hauptbahnhof. Raus aus dem Zug geht es dann schon an der nächsten Station „Dehnhaide“, wo wir auf einen weiteren Schwarzfahrer treffen. Er fährt mit einem zwei Tage alten Mecklenburg-Vorpommern-Ticket. Auf meine Nachfrage, ob die Prüfer die Schwarzfahrer über die Beförderungsbedingungen aufklären, erfahre ich, dass es auf den Schwarzfahrer ankommt. „Eine Aufklärung in den Fällen, die wir heute erlebt haben, ist sinnlos, weil die beiden absichtlich mit einem abgelaufenen Fahrausweis gefahren sind“, lautet der Kommentar der Kontrolleure.

Die beiden Männer, die ohne Fahrschein angetroffen wurden, reagieren auf die Überprüfung ihrer Personalien ruhig und gelassen. „Die Reaktionen können aber ganz unterschiedlich sein, zwischen nett über nervös bis aggressiv“, erklärt Igor. Einmal erlebte er selbst sogar Handgreiflichkeiten seitens eines Schwarzfahrers, der ihm eine Backpfeife verpasst hat. Zum Glück ist die Situation nicht eskaliert. „Aber ein Kollege wurde schon mal gebissen“, fügt er hinzu. Auf solche Situationen werden die Mitarbeiter des Prüfdienstes durch Schulungen vorbereitet. Man versucht Konflikte zu vermeiden und weiß sie zu entschärfen. Acht Jahre nach dem Wechsel vom Busfahrer im Prüfdienst schätzt Igor die Abwechslung in dem Job und die Flexibilität: „Im Bus ist man viel mehr vom Verkehrstempo und vom Tempo der Fahrgäste abhängig, hier ist die Arbeit mehr individuell und nicht ganz so stressig.“

Eine Frage kann ich mir nicht verkneifen: ob Igor russische Wurzeln hat, weil sein Name es nahelegt. „Nein, ich bin ein Hanseat“, lächelt er. Als ich ihn nach konkreten positiven Momenten seiner Arbeit frage, berichtet er von einem Rollstuhlfahrer mit funktionsbeeinträchtigtem Rollstuhl, dem er Hilfe leistete. Der Leitsatz „wir sind für die Fahrgäste da“ lässt sich auf unterschiedliche Weise in die Tat umsetzen. Vor zwei Wochen stieg er mit drei belgischen Touristen aus der Bahn, um gemeinsam die richtigen Fahrausweise nachzulösen. Bei den Fahrgästen mit einem falschen Ausweis kommt es nämlich nicht immer darauf an, sie förmlich zu bestrafen. „Manche Fahrgäste sind der Meinung, dass wir Prämien für erwischte Schwarzfahrer bekommen würden“, fügt Benjamin hinzu, „was nicht stimmt und falsch wäre, denn dann wären wir Jäger.“ Davon wollen die Prüfdienstmitarbeiter nichts wissen. Sie verstehen sich vielmehr als Ansprechpartner, die gesprächs- und hilfsbereit den U-Bahn-Fahrgästen zur Verfügung stehen. Klar, gehört zu den Arbeitsaufgaben eines Kartenprüfers das „Bestrafen“ von Schwarzfahrern, d.h. derjenigen, die sich eine Leistung erschleichen. Dadurch wird aber gleichzeitig eine positive Botschaft an die ehrlichen Fahrgäste gesendet – die Fahrt zu bezahlen ist die richtige Entscheidung. Bei all dem ist für die HOCHBAHN erfreulich, dass 97 bis 98% aller Fahrgäste ehrlich sind. Eben auch dank Mitarbeitern wie Cesare, Benjamin und Igor.

Bahnsteig

Schließlich verabschiede ich mich von den „Männern in dunkelblau“ am Hauptbahnhof Süd und biege um die Ecke. Im Weggehen höre ich Benjamin einen jungen Mann fragen: „Sie brauchen Hilfe?“

Ps: Dieser Beitrag wurde von unserer Praktikantin Alena geschrieben, die uns für vier Wochen unterstützt und einen Blick hinter die Kulissen der HOCHBAHN wirft.



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